In der Vergangenheit wurde meist dem angeblich in Deutschland besonders ausgeprägten Militarismus die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges gegeben. Der Historiker Sönke Neitzel betonte jedoch kürzlich in einer Diskussionssendung, dass das Militär in Deutschland nicht mehr Einfluss auf die Politik hatte, als etwa in Russland. Ein anderer Historiker brachte jedoch zum Ausdruck, dass er hier eine andere Meinung vertritt. Anscheinend ist dieser Punkt auch unter Historikern noch heute umstritten.
In Frankreich war dagegen eher das Gegenteil der Fall. Hier war nicht das Militär die Partei, die eher auf einen Krieg spekulierte und zw. 1912-14 Szenarien durchspielte, wie ein solcher möglicherweise einmal beginnen könnte, sondern die Zivilregierung. Anscheinend waren die Verhältnisse auf dem Balkan schon hier als möglicher Auslöser eines großen Krieges in Europa voraussehbar. Frankreich baute dabei stark auf Russland als Bündnispartner, um in einem möglichen Krieg bestehen zu können.
Der australische Historiker Christopher Clark, der über das Thema gerade ein Buch herausgebracht hat, möchte nicht mehr von Kriegsschuld im eigentlichen Sinne sprechen. Er bezeichnet den 1.Weltkrieg als eine gesamteuropäische Krise bzw. Katastrophe.

Das Attentat in Sarajevo vom 28. Juni 1914 löste zunächst diplomatische, dann militärische Aktivitäten aus und führte zunächst zur „Juli-Krise“. Obwohl man damals über die Verstrickung des serbischen Geheimdienstes noch nichts wusste, wurde Serbien rasch zumindest eine Mitschuld am Attentat gegeben.
Während dieser Zeit zwischen dem Attentat und dem Auslaufen des österreichischen Ultimatums am 25. Juli 1914 liefen hinter den Kulissen die Drähte der Botschafter heiß.
Der österreich-ungarische Kaiser Franz Joseph I. war entschlossen, die Ambitionen Serbiens zur Schaffung einer großserbischen Nation zu unterbinden. Am 2. Juli 1914 wurde dem Deutschen Kaiser Wilhelm II. ein Schreiben von Franz Joseph I. übergeben, in den er formulierte, Ziel seiner Regierung sei „die Isolierung und Verkleinerung Serbiens“, da dieser Staat „Angelpunkt der panslawistischen Politik sei“ und daher „als politischer Machtfaktor am Balkan ausgeschaltet“ werden müsse. Dazu wollte sich der österreich-ungarische Kaiser den Rückhalt Wilhelms II. sichern. Zu diesem Zweck reiste der Sondergesandte Alexander Graf von Hoyos nach Berlin. Zusammen mit dem österreich-ungarischen Botschafter in Berlin sollte Wilhelm II. für die Politik von Franz Joseph I. gewonnen werden. Wilhelm II. stand dem Anliegen zunächst skeptisch gegenüber und lehnte eine Unterstützung Österreich-Ungarns ab, da „er eine ernste europäische Komplikation im Auge behalten müsse“. Nach weiteren Unterredungen erreichten die Diplomaten eine Zusage des Deutschen Kaisers. Der österreichische Botschafter in Berlin, Ladislaus von Szögyeny-Marich, notierte am 5. Juli 1914 nach einem Mittagessen mit Kaiser Wilhelm  II., man könne „mit der völligen Unterstützung Deutschlands rechnen“ – zunächst allerdings mit der Einschränkung, der Kaiser müsse erst noch die Meinung seines Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg hören. Doch es gebe kaum Zweifel, dass dieser „vollkommen seiner Meinung zustimmen werde“. Dieses entscheidende Mittagessen im Neuen Palais in Potsdam, wo auch das Wort „Bündnistreue“ fiel, wird heute als „Blankoscheck“ Deutschlands für die Handlungsfreiheit Österreich-Ungarn gewertet.

Am folgenden Tag reiste der Kaiser in den Urlaub ab, den er wie so oft in Norwegen verbrachte. Bis zum 25. Juli verbrachte er dort auf seiner Yacht „Hohenzollern“. Noch am 22. Juli notiert sein enger Mitarbeiter Moritz Freiherr von Lyncker: „Man kann sich eigentlich kaum denken, daß wegen dieser Mörder-Bande in Serbien ein großer Weltkrieg entbrennen sollte“ – drei Tage später erfolgte die überstürzte Abreise des Kaisers nach Potsdam.

Das Heft des Handelns lag nach dem Urlaubsantritt des Kaisers bei besagtem Reichskanzler Bethmann Hollweg, der laut dem Historiker Holger Afferbach eine „überaus gefährliche Außenpolitik“ betrieb. Auch er war im Urlaub auf seinem Landsitz im  brandenburgischen Hohenfinow und sinnierte dort über die „europäische Lage“ – sie sei nicht frei von Gefahren“, aber er glaube, mit einem begrenztem Krieg ein „kalkulierbares Risiko“ einzugehen – eine klare Fehleinschätzung dieses Reichskanzlers.

 

Weitere Informationen: Dieser Text ist ein Auszug aus der Magazin-Ausgabe „Beginn des ersten Weltkriegs“. Auf 30 Seiten erfahren Sie alles Wissenswerte für die Schule, die Universität und die Allgemeinbildung. Mehr erfahren Sie hier.