Karolingische Fibel (ausgestellt im Stadtmuseum von Ingolstadt)

Karolingische Fibel (ausgestellt im Stadtmuseum von Ingolstadt)

Westlich des Inn existierte nach wie vor Raetien, ein von Römern und Ostgoten als Militärbezirk organisiertes Herrschaftsgebilde, das ebenfalls von Menschen besiedelt war, aus denen sich die Baiovarii rekrutierten, und in das sich zusätzlich mit den Alamannen ein spätrömisch-fränkisch akkulturiertes Volk angesiedelt hatte. Die städtische Struktur war nicht ganz so ausgeprägt wie in Norikum, aber mit Augsburg und – im Grenzbereich zu Norikum – Regensburg besass auch Raetien tragfähige organisatorische Strukuren. Dot herrschte nach Odoaker Theoderich der Große, der gerne näher mit den Thüringern zusammengearbeitet hätte und mit dem Kaiser in Byzanz zunehmend in Gegensatz geriet. Auch hier war es für den Kaiser eine strategische Option, mit den norischen Baiovarii eine militärisch schlagkräftige Truppe zu haben, die dazwischenfunken konnte und Theoderich von einem weiteren Ausgreifen an der Donau abhalten konnte.

Nachdem aber die Franken zuerst das nördlich von Ufernorikum gelegene Thüringerreich erobert hatten, später von den Ostgoten Raetien bekommen hatten, danach 545 noch Binnennoricum, war Norikum um die Mitte des 6.Jhs. von fränkisch dominierten Gebieten umgeben. Wenn tatsächlich Ufernorikum eine Art „Außenposten Ostroms“ und das (zu der Zeit einzige) Herrschaftsgebiet der Baiovarii war, dann war die Lage der Bajuwaren richtig ernst. Zwischen 537 und 555 fehlen jegliche Nachrichten sowohl aus dem später bairischen Raetien wie auch aus Norikum. Dann aber gelingt es offensichtlich dem Agilolfinger Garibald, sowohl Norikum als auch Ostraetien unter seine Herrschaft zu bekommen. 565 beschreibt Venantius Fortunatus den Lech als „Fluss IN Bayern“, d.h. zu diesem Zeitpunkt muss das Gebiet der Bajuwaren bis an den Lech gereicht haben. Zusammen mit der (offenbar fundierten) Stammeslegende der Herkunft der Bajuwaren aus Norikum und mit den Indizien, die wir zusammengetragen haben und die darauf hindeuten, dass Norikum das erste Gebiet der Baiovarii war, bedeutet das, dass Garibald Norikum und Ostraetien vereinigt hatte.

Wenn dies aber so war – und wir gehen der Spekulation zuliebe davon aus – warum ermöglichte dann der Frankenkönig dem Herrscher/Dux von Norikum eine solche Machtausweitung in einem strategisch wichtigen, machtpolitisch aber eher wackligen Gebiet? Die Verbindung Garibalds mit der langobardischen Königstochter liefert einen Hinweis. Erst ab 568 eroberten die Langobarden Norditalien, 555 waren sie also noch östliche Nachbarn der Baiovarii und deren „Kollegen“ als Grenzwächter im Dienste Ostroms. Dem Frankenherrscher hätte diese Verbindung mit einer Langobardin die Möglichkeit eröffnet, dfie Baiovarii in die Zange zu nehmen. Genauso gut wäre es aber, sich den ohnehin einer fränkischen Hochadelsfamilie entstammenden Bajuwarenfürsten zu verpflichten bzw., da dieser Garibald zu den Vertrauten des Königs („unus es suis“) gehörte, sich diesen noch mehr zu verpflichten. Ob Garibald nun 555 schon „Dux“ der Baivarii war oder quasi „Dux“ ohne Amtsbereich, als er Herzog der Baiovarii wurde, hatten die Franken diesen Stamm unter Kontrolle. Paulus Diakonus, ein Langobarde, berichtet zum Ende des Garibald interessanterweise, dem König (!) Garibald sei eine „perturbatio“ widerfahren, wodurch seine Tochter mit ihrem Bruder Gunoald zu ihrem Bräutigam Authari ins Langobardenreich geflohen sei (das mittlerweile von Friaul aus sukzessive über Norditalien ausgedehnt worden war).

Wie kam es zu dieser Rangerhöhung des Garibald?

Die Frankenkönige haben damals noch keine Unterkönigreiche eingerichtet. Einzig denkbare Alternative: Garibald herrschte über zwei Gebiete, so wie auch Arbeo von Freising 200 Jahre später noch von zwei römischen Provinzen schreibt, auf deren Boden Bayern läge. Die eine Provinz war Raetien, unter fränkischer Herrschaft stehend und mittlerweile als Dukat, d.h. fränkische Provinz unter der Herrschaft eines Dux, organisiert. Das zweite Gebiet muss Norikum gewesen sein, und dieses Norikum muss – analog z.B. zu den Grenzgebieten des Oströmischen Reichs in Mesopotamien und Syrien, wo aus den byzantinischen Dukaten höchstoffiziell arabisch-christliche Königreiche geworden waren – von Ostrom mittlerweile als Klientelkönigreich angesehen worden sein. Nur so ist es auch möglich, dass Tassilo I. 591, zwei Jahre, nachdem laut Paulus Diakonus Garibald unter einer „perturbatio“ zu leiden hatte, von König Childebert als „rex“ (König) in Bayern eingesetzt worden war. Auch diese Nachricht stammt von Paulus. Der Langobarde hatte aufgrund der Verwandtschaft der bairischen und der langobardischen Dynastie vielleicht einen Grund, den Bayernherzog als König zu bezeichnen, aber genauso gut ist es möglich, dass Tassilo wie auch Garibald tatsächlich Könige waren – und Duces. Voraussetzung ist, dass Raetien als fränkischer Dukat organisiert war, aber Norikum nach wie vor als oströmisches Klientelkönigreich, so dass Garibald und Tassilo tatsächlich beides waren: Dus in Raetien und König in Norikum. Nur so wird auch erklärlich, warum der Inn als Grenze zwischen Raetien und Norikum noch so lange wirksam bleiben konnte: Er war eine Grenze innerhalb Bayerns, aber tatsächlich eine Grenze zwischen den beiden Teilen Bayerns!

Zwischen 633/35, als Fredegar berichtet, die Baiovarii hätten im Auftrag König Dagoberts 9000 Bulgaren abgeschlachtet, und 680, als Herzog Theodo die Herrschaft antritt, fehlen jegliche Nachrichten aus Bayern. Zuvor hat es u.a. unter Garibald II. noch Slawenzüge der Bayern nach Binnenorikum (mittlerweile Karantanien) gegeben. Bis 680 scheinen jedenfalls Raetien und Norikum wieder eigene Wege gegangen zu sein, aber Theodo schaffte es, aus Bayern ein eigenständiges, mächtiges Herzogtum zu machen. Die Bischöfe Virgil von Salzburg und Arbeo von Freising schufen im 8.Jh. eine Reihe von Heiligenviten und lassen dabei die bairische Herzogsreihe mit Theodo und dem Jahr 680 beginnen. Warum? Offensichtlich, weil sie die Herrschaft Theodos als eigentlichen Beginn des Herzogtums Bayern, so wie sie es kannten, betrachteten.

Der Name Theodo kann vom fränkischen Königsnamen Theudebert/-bald abgeleitet werden, unterstreicht also noch einmal die Königsnähe der bairischen Agilolfinger. Trotzdem wird er in fränkischen Quellen dieser Zeit kaum erwähnt. Gleichzeitig wissen wir z.B. aus der Emmeramsvita, dass Theodo daran ging, Bayern in Bistümer zu gliedern. Die Missionare und Wanderbischöfe Emmeram, Korbinan und Rupert waren zu Theodos Zeit in Bayern aktiv und gründeten die Bistümer Regensburg, Freising und Salzburg, also die für Altbayern wichtigen Bischofssitze. Salzburg war dabei das einzige neue Bistum auf norischem Grund; dass es ausgerechnet Salzburg war, das später zum Erzbistum erhoben werden sollte, könnte der bewussten Förderung des norischen Bistums geschuldet sein. Die Tatsache, dass Norikum damals von Slawen und Awaren verheert wurde, könnte verhindert haben, dass im ehemaligen baiuwarischen Kernland ebenfalls Bistümer eingerichtet wurden. In Linz oder Lauriacum/Lorch wären noch römerzeitliche Städte vorhanden gewesen, die die Einrichtung eines dortigen Bistums rechtfertigen hätten können, doch war die Lage an dieser nunmehrigen Außengrenze des Frankenreichs wohl doch zu unsicher. Die Gebiete wurden später von Passau und Salzburg aus erneut missioniert, sie waren also in der Zwischenzeit für Bayern verloren gegangen und mussten neu erobert werden.

Außerdem wissen wir, dass Theodo vor seinem Tod noch eine Romreise angetreten hat. Der Sinn dieser Romreise könnte gewesen sein, dass Theodo seine Bistumsgliederung vom Papst absegnen lassen wollte – ein Maßnahme, die ihm noch mehr Eigenständigkeit vom Frankenkönig beschert hätte. Nachdem aber erst Herzog Odilo diese Anerkennung von Rom erlangte, war Theodo wohl nicht erfolgreich.

Aber es war dieser Theodo, der die Hauptstadt Bayerns nach Regensburg verlegte; zuvor war sie wohl in Augsburg, dem alten Herrschaftsmittelpunkt Raetiens, gewesen. Regensburg liegt aber ziemlich genau auf der Grenze zwischen Raetien und Norikum. Es könnte also Theodo gewesen sein, der die alte Spaltung in Raetien und Norikum aufgehoben hatte und so den Grundstein legte für eine vereinigtes, mächtigeres Bayern. Die faktische Loslösung Bayerns vom Frankenreich in der Folgezeit war also das Verdienst der Vorarbeiten Theodos.