Bayern um 788

Vielleicht führt uns die Klärung der genauen Beziehungen zwischen Bayern und Norikum weiter. Denn das Herzogtum Bayern umfasste ja nicht ganz Raetien, sondern nur den östlichen Teil der alten römischen Provinz, daneben aber auch noch Binnenoricum. Wie kam es zu diesem östlichen Landesteil des frühen Bayern? Immerhin lässt sich eine Gründungssage der Bajuwaren rekonstruieren, die von einer Herkunft der Bayern aus Norikum spricht! Es muss eine Erinnerung gegeben haben, die mitnichten die Entstehung der Bajuwaren in Raetien zum Inhalt hatte, sondern dieses Ereignis in der östlich von Raetien, nie unter fränkische Herrschaft gekommenen Provinz verortet. Auffälligerweise stand diese Provinz auch noch fast immer unter oströmischem Einfluss, sei es zu Zeiten Theoderichs (der ja offiziell oströmischer „Repräsentant“ in Italien war), sei es zu Zeiten nach dem Ende des Ostgotenreichs.

Paulus Diakonus berichtet am Ende des 8.Jhs. im Zusammenhang mit der Vermählung des Langobardenkönigs Authari mit Theudelinde, der Tochter von „Garibald und Walderada aus Bayern“ im Jahr 588/89, dass Authari den Weg zurück „über Norikum“ wählte. Als Erklärung schiebt Paulus nach, „es ist freilich die Provinz der Noriker, die das Volk der Baiern bewohnt“. Keine Rede von Raetien!

Auch in den Wessobrunner Glossen aus dem frühen 9.Jh., der etwa gleichzeitigen „Divisio Regnorum“ von 806, und in den Freisinger Traditionen zu den Jahren 825 und 846 werden zwar Bayern und Norikum, nicht aber Raetien gleichgesetzt. In der Vita des Abtes Sturmi von Fulda wird erwähnt, Bonifatius sei „in die Region Norikum“ gegangen, 839 ist nach den Annalen von Saint Bertin Ludwig der Deutsche auf der Flucht vor seinem Vater nach „Noreia“ zurückgekehrt, „das jetzt Baioaria genannt wird“. Derselbe Ludwig der Deutsche erhält in der Reichsteilung von 843 „außer Norikum noch Alamannien, Thüringen“ und andere Gebiete, wobei später im Text des Vertrages von Verdun gesagt wird, „Ludwig aber ist König der Noriker, id est Baioariorum“. Bis 1180 (!) finden wir diese Gleichsetzung von Bayern und Norikum in den Quellen.

Der Name Raetien ist im Unterschied zu Norikum für den bairischen Bereich aus den Überlieferungen verschwunden. Für die Raetia I hat sich die Bezeichnung „Curienses“ (nach der Hauptstadt Chur) eingebürgert. Die Raetia II, die zwischenzeitlich am Lech zwischen Alamannien und Bayern aufgeteilt worden ist, umfasst nur noch den alamannischen Teil des alten Raetien, für Bayern ist der Name spurlos verschwunden. Warum ist das nicht auch mit Norikum passiert?

Denn nicht überall, wo Bayern betroffen ist, wird von Norikum gesprochen, etwa bei der Erhebung Salzburgs zum Erzbistum für Bayern im Jahr 798. Dieses Erzbistum umfasste allerdings nicht nur die ehemals norischen Gebiete Bayerns, sondern auch die rätischen Teile des Herzogtums sowie die ehemals italischen (Südtirol, Trentino), pannonischen (Karantanien, Ungarn), böhmischen und mährischen Regionen, die durch die Kolonisation von Bayern aus mittlerweile zum Herzogtum dazugekommen waren bzw. bairisches Missionsgebiet darstellten.

Es könnte sein, dass die frühen Bajuwaren nach dem Abzug der Provinzialrömer unter dem hl.Severin im Jahr 488 das Machtvakuum nutzten und sich ausgehend von ihren rätischen Ursprüngen Norikum aneigneten. Als die Franken in Raetien ihren Dukat einrichteten und Garibald als „Dux“ einsetzten, hätten dann die Bajuwaren, die sich in Norikum mittlerweile zur neben der verbliebenen – und ausweislich der vielen romanischen Personen- und Ortsnamen bestimmt nicht kleinen – Romanenschicht herrschenden Bevölkerungsgruppe aufgeschwungen haben müssten, den Namen der Provinz, mit der sie sich jetzt in erster Linie identifizierten, mitgenommen haben müssen, so dass (Ost-)Raetien quasi zu einem Teil Norikums wurde, das im Gegenzug mit dem „Land der Bajuwaren“ identifiziert wurde.

Arbeo von Freising freilich schreibt um 770, dass Bayern auf dem Boden zweier römischer Provinzen lag, nämlich der „Valeria“ (womit er Raetien meinte; der Name Raetien war aber mittlerweile so vollständig auf die alpenländischen Teil Raetiens übergegangen, dass Arbeo eine andere Bezeichnung wählte) und von „Noricum Cisalpinum“, womit Ufernorikum, das alte „Noricum ripense“ gemeint war. Warum diese deutliche Zweiteilung, wenn der Name Norikum längst auf Raetien übertragen worden war? Es muss einen anderen Grund für die langanhaltende Norikum-Tradition in Bayern gegeben haben.

Irmtraut Heitmeier liefert in „Die Anfänge Bayerns“ einen überzeugenden Lösungsansatz:

Noch bis in die Mitte des 11.Jhs. war der Inn, der die Grenze zwischen Reatien und Norikum darstellte, eine Grenze innerhalb Bayerns. Er hatte damit noch 500 Jahre nach dem Ende der römischen Provinzen Reatia II und Noricum ripense die gleiche Funktion wie zu römischen Zeiten. Der Hintergrund war wider ein politischer: Schon Theoderich der Große konnte Raetien sehr direkt beherrschen, für Norikum jedoch sind nur wenige Urkunden erhalten. Auch gibt es nur für Raetien einen von Theoderich eingesetzten Dux. Der Hintergrund dürfte gwesen sein, dass Norikum zur ehemaligen weströmischen Diözese Illyrien gehörte, während Raetien zur Diözese Italia gehörte. Theoderich konnte jedoch aufgrund seines Abkommens mit den byzantinischen Kaisern 493 und 497 nur „Italien“ (= Diözese Italia) direkt beherrschen, nicht jedoch Illyrien.

Auch 536/37 trat der Ostgotenkönig Witigis nur die beiden Raetien an die Franken ab, nicht jedoch Norikum. Auf das eine hatte er direkten Zugriff, auf das andere offenbar nicht.

Schon Odoaker hatte 488 lediglich aus Norikum die Romanen evakuieren lassen, nicht jedoch aus Raetien. In Raetien lassen sich in der Folgzeit auch keinerlei institutionelle Brüche feststellen, in Norikum dagegen sehr wohl.

Auch die Nachricht des Jordanes, westlich der „Regio Suavorum“ säße „der Bajuware“, widerspricht dem nicht. Wenn die Grenze zwischen Bayern und Alamannen zum Zeitpunkt der Abfassung der Gotengeschichte (spätestens 551/52) nicht der Lech, sondern der Inn gewesen ist, dann wären die Bayern zu diesem Zeitpunkt eben NUR in Norikum gesessen. Das Gebiet, das Garibald dann wenig später als „Dukat“ Bayern übernahm, ist aber ein Gebiet gewesen, das tatsächlich im Westen bis zum Lech reichte, inklusive der um 500 verstärkt von Alamannen besiedelten Gebiete zwischen Lech und Inn. War das frühe Bayern also doch zweigeteilt, in einen norisch-bajuwarischen und einen ex-alamannischen Teil?

Auch der sog. Geogarph von Ravenna scheint dies anzudeuten, indem er für „Alemannorum patria“ Städtenamen angibt, die im Osten bis zum Staffelsee und bis Zirlz im Inntal reichen. Dass der Lech ausweislich der Ortsnamen keineswegs eine alamannisch-bairische Sprachgrenze war, unterstützt die These eines politisch wie bevölkerungsmäßig zweigeteilten Ur-Bayern noch.

Weitere Faktoren kommen hinzu: Östlich des Inn finden wir ganze Gruppen von Romanensiedlungen, die sich durch ihre Namen zu erkennen geben, insbesondere um Salzburg herum. Diese Siedlungen scheinen auch anders besteuert gewesen zu sein als die laut ihren Namen germanischen Siedlungen. Sie sind nämlich auffallend oft um eine Siedlung gruppiert, deren Name einen Bezug zum spätlateinischen Wort „camera“ aufweist. Eine solche „Kammer“ war aber in spätrömischer Zeit das Zentrum eines Steuerbezirks!

Als Norikum durch den hl.Severin geräumt wurde, erfahren wir auffälligerweise nichts von Einfällen der Alamannen oder Thüringer in diesen Raum, obwohl er für diese verkehrstechnisch (Alpenpässe! Zugang zu Illyrien/Pannonien!) sowie wegen seiner Salzvorkommen überaus interessant gewesen sein müsste. Um das Gebiet östlich von Norikum zu sichern, setzte der oströmische Kaiser Zeno zuerst auf die Rugier, die er dann von den Langobarden auslöschen ließ. Wie aber sicherte er Norikum? Immerhin war das Gebiet zwar nach archäologischen Maßstäben siedlungsleer, aber die Kontinuität von Ortsnamen und das später (wieder) reich dokumentierte Vorhandensein vieler Romanen deutet in eine andere Richtung. Diese Leute und das strategisch wertvolle Land zu sichern, das dürfte die Aufgabe der „Baiovarii“ gewesen sein. Für Zeno im Grunde eine einfache Sache: Die Ansiedlung von „Barbaren“ zur Sicherung von römischem Grenzgebiet hatte eine alte Tradition, die Baiovarii waren ohnehin schon lange im Vorfeld des Limes ansässig, sie brauchten eigentlich nur noch zur neuen norischen Oberschicht gemacht werden, dann hatte Norikum nach Odoakers Rückzug auch schon eine neue Truppe. Wie in den syrischen und libyschen Dukaten Ostroms auch, dürften die Baiovarii in Norikum nicht nur das Land geschützt haben, sondern es auch tatsächlich besessen und regiert haben.