Kuomintang und Kommunisten – Die erste Phase 1912-1927

Die Kommunistische Partei Chinas, die 1949 die Macht erlangte, bestand zum überwiegenden Teil aus Bauern, angeführt von Intellektuellen. Ihre Revolution widersprach der marxistischen Theorie, die davon ausging, dass eine sozialistische Revolution von Arbeitern durchgeführt werden sollte und die Bauern hätten darin allenfalls die Funktion einer Hilfstruppe zu übernehmen. Die Moskauer Kommunisten beargwöhnten von Anfang an diese Bauernrevolution und ihren eigenwilligen Führer Mao Tse-tung, der sich nicht kontrollieren ließ. Der Bruch zwischen den beiden kommunistischen Großmächten zehn Jahre später wurde von einigen westlichen Beobachtern vorausgesehen. Die Kommunisten siegten nach einem langjährigen Bürgerkrieg mit Hilfe ihrer disziplinierten Volksbefreiungsarmee. Zentrale Führung und straffe Organisation kennzeichneten Partei und Armee. Die von Mao Tse-tung 1949 proklamierte „Neue Demokratie“ hat es schon von Anfang an nie gegeben.

Nach dem Sturz der Mandschu-Dynastie 1912 befand sich China in einem Zustand der Auflösung. Seit dem 19. Jahrhundert beherrschten die imperialistischen Staaten, England, Frankreich, die USA und Japan, die Küstengebiete. In den Hafenstädten des Südens, vor allem in Kanton und Shanghai, übten sie de facto die Kontrolle aus, hatten die Zoll-und Hafenverwaltung inne, besaßen wie in Shanghai exterritoriale Gebiete, unabhängig von der chinesischen Regierung. Ihnen gehörten die meisten Eisenbahnen, Telegrafenanlagen und Bergwerke, die wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes befanden sich in ihrer Hand. Über die Vertragshäfen strömten ausländische Waren inklusive Rauschgift ins Land und schädigten die einheimische Produktion. Nach dem Ende der Kaiserherrschaft schien China reif zu sein für eine endgültige Aufteilung, doch die gegenseitigen Rivalitäten der Kolonialmächte bewirkten, dass das Land seine, wenn auch stark reduzierte, Unabhängigkeit bewahren konnte.

Der Sturz der kaiserlichen Dynastie löste China in eine Reihe fast unabhängiger Staaten auf, da in den einzelnen Provinzen die dortigen Generäle, die Warlords, sich für selbständig erklärten. Es handelte sich zumeist um Großgrundbesitzer und mit den Resten der kaiserlichen Verwaltung beuteten sie das von ihnen beherrschte Gebiet mit Steuern und Pachtgebühren aus. Die von ihnen befehligten Truppen bestanden aus Resten der alten mandschurischen Armee, überwiegend zum Wehrdienst gepresste Soldaten, die, schlecht verpflegt und häufig ohne festen Sold, sich wie marodierende Banden benahmen, die Dörfer ausplünderten und Frauen vergewaltigten. Sie glichen mehr den Heerhaufen aus dem dreißigjährigen Krieg als einer modernen Armee und der Soldat stand nicht zu Unrecht im Ansehen der Bevölkerung auf der untersten Stufe, da man ihn kaum von einem gewöhnlichen Banditen unterscheiden konnte. Die permanenten Kriege der Warlords untereinander verwüsteten das Land. Immer neue Herrscher in Peking behaupteten, China zu regieren, doch ihre wirkliche Macht blieb auf kleine Gebiete beschränkt und dauerte nie sehr lange.

Ende des 19. Jahrhunderts bildete sich in den Städten eine Opposition gegen die Herrschaft des Kaisers und die ausländischen Mächte, getragen von der Mittelschicht. Diese umfasste vor allem die Intelligenz, Söhne von Kaufleuten, Großgrundbesitzern (von den Engländern als Gentry bezeichnet), hohen Beamten, wohlhabenden Bauern und Handwerkern, oftmals unterstützt von vermögenden Auslandschinesen. Die aus diesen Schichten stammenden Studenten vertraten oftmals radikale demokratische und teilweise auch sozialistische Theorien, auch wenn dies häufig nicht im Sinne ihrer Väter war. Die Intelligenz sah ihre Karrierechancen im zerfallenden Kaiserreich schwinden und machte dafür neben den Mandschus vor allem die Ausländer verantwortlich, deren verderblicher Einfluss ihrer Meinung nach Schuld war an ihrem eigenen, individuellen Desaster und an dem unwürdigen Zustand, in dem sich ihr gesamtes Land befand. Die Kaufleute und Handwerker wurden in ihrer Entwicklung von den fremden Mächten behindert, sie forderten eine Zurückdrängung des ausländischen Kapitals und unterstützten die Intelligenz. Auslandschinesen wollten gleichfalls die Würde Chinas wiederherstellen, da man in der Fremde für ihr Land oft nur Hohn und Spott übrig hatte und sie selbst häufig diskriminiert wurden. Auch die unter den katastrophalen Arbeits- und Wohnbedingungen leidende Arbeiterschaft schloss sich der Opposition an. Und sogar auf dem Lande, jedenfalls in Südchina, wuchs der Widerwille der dortigen Gentry mit den unwürdigen Zuständen. Die südliche Gentry wollte sich nicht länger von dem fernen Peking gängeln lassen und da sie im Süden Chinas direkt mit den Ausländern konfrontiert waren, empfanden sie deren Privilegien und selbstherrliches Auftreten immer mehr als unzumutbar.

Diese Opposition, Mittelschicht und südliche Gentry, hatte in dem Arzt Dr. Sun Yat-sen einen charismatischen und talentierten Führer gefunden, dem es gelungen war, die Unzufriedenheit zu bündeln. Mit seinen drei Volksprinzipien, Demokratie, Nationalismus und Volkswohlstand, fand er bei vielen Chinesen Zustimmung und mit seiner Organisation, die später als Kuomintang (Volkspartei) bekannt wurde, sammelte und konzentrierte er die unzufriedenen Elemente. Als Ende 1911 durch einen Aufstand die Mandschu-Dynastie im darauf folgenden Jahr zum Rücktritt gezwungen wurde, bildete sich ein Parlament, welches Sun Yat-sen zum Staatspräsidenten wählte. Doch der Druck der Militärs aus den nördlichen Provinzen veranlasste ihn schon Anfang 1912 wieder zum Rücktritt. In den nächsten Jahren versank das Land im Bürgerkrieg der Warlords.

Sun Yat-sen Li Yuanhong Wuchang 1912Während sich in Peking immer neue Generäle zu Herrschern von ganz China erklärten, behauptete sich Sun Yat-sen mit seinen Anhängern in Kanton und bildete dort eine Art Gegenregierung, das republikanische China, argwöhnisch misstraut von den Westmächten, die in dem Arzt einen unbequemen Nationalisten sahen. Doch Sun Yat-sen blieb machtlos, da er über keine Armee verfügte und davon abhängig blieb, dass ihm Teile der südlichen Gentry mit Truppen aushalfen. Auch blieb seine Partei in zahlreiche Basisgruppen zersplittert und war demzufolge ziemlich schwach. Erst mit Beginn der zwanziger Jahre begann sich seine Situation entscheidend zu bessern und zwar durch die Entstehung der Sowjetunion, die sich nun der Kuomintang als neuer Bündnispartner anbot.

Die russische Revolution von 1917 blieb isoliert, die erhoffe Weltrevolution fand nicht statt. Aufstände in anderen Ländern blieben erfolglos oder kamen über erste Ansätze nicht hinaus. Lenin und die übrigen Bolschewiki mussten erkennen, dass ihre Hoffnung, andere kommunistische Staaten würden in Kürze entstehen und ihnen zu Hilfe kommen, unerfüllt bleiben würde. Doch Moskau wollte die weltweite Revolution weiter vorantreiben und gründete 1919 die Kommunistische Internationale (Komintern), ein internationaler Zusammenschluss kommunistischer Parteien, eine Schaltzentrale zwecks Steuerung der revolutionären Prozesse in aller Welt, doch vorerst ohne Aussicht auf Erfolg.

Da in Europa die Revolution ausblieb, konzentrierten sich nun die Hoffnungen auf Asien. Das Problem war nur: In den Kolonien und Halbkolonien gab es so gut wie kein Proletariat, wohl aber ein nationales Bürgertum, das durch die Europäer in seiner Entwicklung gehemmt wurde und unterdrückte Bauern. Der Unabhängigkeitskampf wurde hauptsächlich vom nationalen Bürgertum geführt. Die Komintern vertrat die Auffassung, dass diese antikolonialen Bewegungen unbedingt unterstützt werden sollten, um die Länder zu befreien und gleichzeitig damit die westlichen Mächte zu schwächen. Der Befreiungskampf der Kolonien schien eine wichtige Unterstützung für die Kommunisten in den hochentwickelten Nationen zu sein, diese Kräfte sollten sich ergänzen und gemeinsam gegen den Imperialismus antreten. Die Komintern begann damit, eine Zwei-Phasenstrategie zu entwickeln.

In der ersten Phase sollte es in den unterdrückten Ländern ein breit angelegtes antikoloniales Einheitsbündnis aller Klassen geben, angeführt von der nationalen Bourgeoisie, unterstützt von Arbeitern, Handwerkern, Bauern, auch patriotischen Feudalherrn. Nach der Befreiung würde sich in der zweiten Phase ein nationaler Kapitalismus entwickeln, der dann durch eine proletarische Revolution gestürzt werden würde. China schien das ideale Land zu sein, um diese Strategie in die Tat umzusetzen, denn die Kuomintang erfüllte in geradezu vorbildlicher Weise dieses antikoloniale Bündnis.

1921 nahm der Ostasienexperte der Komintern, Henricus Maring alias Sneevliet(1)Kontakt mit Sun Yat-sen auf, empfahl die Neuorganisation der Kuomintang und den Aufbau einer eigenen Militärmacht. Die Gelegenheit schien günstig, denn die Chinesen waren interessiert an einer teilweisen Übernahme des sowjetischen Modells. Von den drei Volksprinzipien Demokratie, Nationalismus und Volkswohlstand war nur noch der Nationalismus übrig geblieben. Die Demokratie hatte sich völlig diskreditiert. Das kurzlebige Parlament war nach 1912 in einem Sumpf von Korruption untergegangen und die demokratischen Westmächte waren dabei, China zu unterwerfen. Das sowjetische Modell, die antiwestliche Diktatur des Proletariats, schien eine Alternative zu sein. Dazu musste die Basisdemokratie umgewandelt werden in eine Partei nach dem Vorbild der KPDSU, mit zentraler Lenkung und straff organisierten Strukturen. So ähnelte die Kuomintang im Aufbau bald dem russischen Vorbild, allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass sie keine kommunistische Partei war. Was man weiterhin unter Volkswohlstand zu verstehen hatte, entweder lediglich eine Sozialreform oder vielleicht Sozialismus, blieb umstritten. In der Partei bildeten sich bald ein linker und ein rechter Flügel, doch die Differenzen stellte man einstweilen zurück. Nationalismus hingegen schien eine gute Losung zu sein, denn alle Klassen in China hassten inzwischen die Ausländer und die mit ihnen kooperierenden Warlords.

Als seinen zukünftigen Nachfolger hatte Sun Yat-sen mittlerweile einen jungen Militärabsolventen, Chiang Kai-shek, aufgebaut, der 1923 in die Sowjetunion reiste, um sich dort politisch und vor allem militärisch schulen zu lassen. Zwar zeigte sich Chiang Kai-shek wenig begeistert über den sowjetischen Kommunismus, doch außer Russland besaß die Partei keine Bündnispartner. 1924 gründete die Kuomintang in Kanton die Whampoa-Militärakademie mit Chiang Kai-shek als Direktor und bildete Offiziere aus, die überwiegend aus der Gentry kamen. Mit Hilfe sowjetischer Militärberater verfügten die Republikaner bald über eine schlagkräftige Armee, die zum großen Teil von den Russen finanziert wurde. Die Zusammenarbeit schien so erfolgreich zu sein, dass die Kuomintang, obwohl nicht kommunistisch, in die Komintern aufgenommen wurde und Chiang Kai-shek 1926 zum Ehrenmitglied machte. Allerdings bekamen sie nun auch Konkurrenz von einer neuen Gruppierung, den Kommunisten.

mao1920 gründete sich die Kommunistische Partei Chinas aus sechs verschiedenen Zirkeln von Intellektuellen, die bisher nur lose miteinander verbunden gewesen waren. Die wichtigsten unter ihnen waren einen Gruppe um den Professor und Schriftsteller Chen Duxiu(2) in Shanghai, den jungen Mao Tse-tung in der Provinz Hunan, Sohn eines wohlhabenden Bauern und einer Gruppe im Ausland, in Paris, initiiert von Chou En-lai(3), Sohn eines hohen Beamten (Mandarinen). Delegierte der sechs Basisgruppen gründeten 1921 in Shanghai die Partei mit Chen Duxiu als ihrem Vorsitzenden. Sie nahmen Kontakt mit Moskau auf, doch die Komintern hielt diese kleine Gruppe mit nur knapp 60 Mitgliedern für zu unbedeutend, um eine wirkungsvolle Politik entfalten zu können und wies die Kommunisten an, die Kuomintang zu unterstützen und ihr beizutreten. Sie sollten die Arbeiterschaft organisieren, aber nicht Front gegen die Partei von Sun Yat-sen machen. Moskau ging davon aus, das nur das revolutionäre Proletariat in China eine sozialistische Revolution durchführen könnte, aber eben erst in der zweiten Phase der Revolution. Während der ersten Phase hätten die Kommunisten das nationale Bürgertum zu unterstützen, also die Kuomintang.

Chen Duxiu missbilligte diese Politik, er hielt es für falsch, sich der Kuomintang unterzuordnen, aber er fügte sich dem Druck aus Moskau. Sun Yat-sen und vor allem Chiang Kai-shek misstrauten ebenfalls ihrem neuen Verbündeten, hinter der Kuomintang standen bekanntlich die Kaufmannschaft und die südliche Gentry. Die Mobilisierung der Arbeiterschaft und die Organisation von Streiks waren nicht in ihrem Interesse.

Am 30. Mai 1925 erschossen britische Polizisten mehrere streikende chinesische Arbeiter in Shanghai. Daraufhin kam es zu einem Sturm der Entrüstung gegen die verhassten Imperialisten und die korrupten Militärmachthaber im Norden Chinas. Streiks und lokale Bauerunruhen erschütterten das Land und die Kommunisten spielten hierbei eine wichtige Rolle. Die Partei gewann viele neue Mitglieder und Sympathisanten. Da Chiang Kai-shek immer wieder Streiks bekämpfte und missbilligte, wollte Chen Duxiu sich im Herbst 1925 von der Kuomintang lösen, um seine Bewegungsfreiheit zurückzugewinnen, doch Moskau hielt unerbittlich an der Einheitsfront fest und schien zunächst damit recht zu haben. 1926 sah es so aus, als würde China von einer neuen revolutionären Welle erfasst werden, die Unruhen weiteten sich immer weiter aus. Chiang Kai-shek nutzte die Situation aus und die neu gegründete Armee der Kuomintang startete von Kanton aus eine erfolgreiche Offensive gegen die regionalen Militärmachthaber. Ein Warlord nach dem anderen kapitulierte, die Republikaner eroberten Nanking und Wuhan, näherten sich im März 1927 Shanghai. Noch bevor die Kuomintang die Stadt erobern konnte, kam es dort zu einem Aufstand der Arbeiter gegen den örtlichen Militärmachthaber, angeführt von den Kommunisten unter Chou En-lai. Als Chiang Kai-shek die Stadt besetzte, wurde dieser freudig begrüßt und die KPCH übergab leichtsinnigerweise seinen Truppen ihre Waffen.

Die Kuomintang erkannte inzwischen, dass die neue Revolution in China dabei war, sich in eine soziale Revolution zu verwandeln. Doch die Kaufleute und die Gentry hatten daran natürlich kein Interesse, der Aufstand sollte nur die Warlords vernichten und die Ausländer in ihre Schranken weisen, doch damit sollte es dann auch gut sein. Um die soziale Revolution zu vermeiden, musste man die Kommunisten vernichten. Zwar würde man dann die Sowjets als Bündnispartner verlieren, doch könnte man als Ausgleich sich wieder an die Westmächte anlehnen. Am 12. April 1927 holte Chiang Kai-shek zu einem vernichtenden Schlag gegen die Kommunisten aus und ließ zehntausende von Arbeitern in Shanghai massakrieren. Damit war die Einheitsfront beendet.

In Moskau, in der Komintern Zentrale, löste dieser Putsch einen Schock aus, der noch verstärkt wurde durch den dort gleichzeitig tobenden Machtkampf zwischen Stalin und Trotzki. Stalin hatte die Einheitsfront zwischen den Kommunisten und der Kuomintang gegen den Rat Trotzkis durchgesetzt und bis zum bitteren Ende gerechtfertigt. Nun brauchte er unbedingt Sündenböcke und beschuldigte Chen Duxiu versagt zu haben, der daraufhin als Parteivorsitzender abgelöst wurde. Stalin wollte aber unbedingt Erfolge sehen, und beauftragte dessen Nachfolger, in China Aufstände anzuzetteln gegen die Kuomintang. Mao Tse-tung, damals Parteifunktionär unter den Bauern in Hunan, sollte dort eine Revolte beginnen, die aber schon nach 13 Tagen niedergeschlagen wurde (Herbst-Ernte Aufstand 1927). Noch katastrophaler wurde die Kommune von Kanton Dezember 1927, eine Art Putsch, organisiert von dem deutschen Kommunisten Heinz Neumann(4) im Auftrag der Komintern. Das Abenteuer endete in einem Blutbad. Ende 1927 war die KPCH fast völlig zerschlagen und Stalins Chinapolitik gescheitert.

Kuomintang gegen Kommunisten und neue Einheitsfront 1927-1945

Das Jahr 1927 bewirkte eine entscheidende Veränderung in der Kommunistischen Partei Chinas. Ursprünglich in den Städten aktiv und eine Partei mit Basis in der Arbeiterschaft, veränderten sich von nun an die Strategie und die Mitgliedschaft. Sie verlagerte die Aktivität aufs Land und gewann ihre Unterstützung in der Bauernschaft. Damit verstieß sie aber gegen ein kommunistisches Dogma, denn laut marxistischer Theorie waren Bauern bürgerlich und besitzindividualistisch, kämpften für die Vermehrung ihres Privateigentums und nicht für sozialistische Ziele, verhielten sich im Kampf undiszipliniert, anarchistisch und gewalttätig. Nur dem Proletariat kam die Führungsrolle zu, Bauern waren allenfalls als Hilfstruppe geduldet.

Der junge Mao wollte dies nicht akzeptieren. 1926 hatte er in seiner Heimatprovinz Hunan die spontanen Erhebungen der Bauern gegen Großgrundbesitzer und Steuereintreiber erlebt und war begeistert von deren revolutionären Elan, auch wenn es hierbei zu vielen Exzessen kam, die aber von Mao verteidigt wurden. Seiner Meinung nach sollte sich die chinesische Revolution hauptsächlich auf die Bauernmassen stützen, sinnvoll, da schließlich die überwältigende Mehrheit der 450 Millionen Chinesen in der Landwirtschaft tätig war. Sie bräuchten lediglich eine Führung und seiner Meinung nach sollte die KPCH die Massen anleiten und organisieren, doch Chen Duxiu wies Maos Vorstellungen entschieden zurück.

Die Lage der Bauernschaft hatte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts erheblich verschlechtert. Eine chinesische Weisheit besagt, dass es zwar viele Menschen, aber nur wenig Land gibt. Und dieses gehörte zu einem großen Teil Großgrundbesitzern, die ihre Grundstücke in kleine Parzellen zerlegten und gegen hohe Abgaben, bis zu 50% der Ernte oder mehr, verpachteten. Viele arme Bauern und Landarbeiter schufteten für einen Hungerlohn und dies war der Grund für die Aufstände in Hunan gewesen. Die sozialen Ungerechtigkeiten führten in China seit Jahrtausenden zu Bauernrebellionen, in denen auf beiden Seiten entsetzliche Gräueltaten begangen wurden.

Mao organisierte 1927 in einigen Teilen von Hunan die armen Bauern in Form von Vereinigungen, aber Ende des Jahres wurde ein Großteil der Provinz von der Kuomintang erobert und Mao flüchtete mit seinen Anhängern in das Jingganggebirge, dem Grenzgebiet zwischen Hunan und Kiangsi. Reste der von Chiang Kai-shek zerschlagenen kommunistischen Partei flüchteten in das von Mao kontrollierte Gebiet und mussten nun wohl oder übel seine Führungsrolle anerkennen, auch wenn er noch kein Parteivorsitzender war.

In den von den Kommunisten besetzten Gebieten trieben sie die Polarisierung der Gesellschaft voran. Laut Mao sollten Großgrundbesitzer enteignet, Großbauern neutralisiert und auf Teile ihres Landes verzichten, Mittelbauern auf die Seite der Aufständischen gezogen und Kleinbauern und Landlose die treibende Kraft darstellen. Radikale Umverteilungspläne mussten allerdings bald korrigiert werden, da sich dadurch auch viele Mittelbauern in ihrer Existenz bedroht fühlten. In der Praxis war aufgrund der häufig schwierigen Besitzverhältnisse eine genaue Klassifizierung oft nicht möglich. Die Einteilung der Bevölkerung in befreundete und in feindliche Klassen brachte viele Ungerechtigkeiten mit sich und erfolgte häufig subjektiv. Ein Bodengesetz aus dem Jahre 1931 verfügte schließlich, das jede Familie so viel Land bekommen sollte, wie sie ohne fremde Hilfe bearbeiten konnte. Überschüssiger Besitz wurde beschlagnahmt. Auf Bauernversammlungen wurden die Umverteilungen beschlossen und durften nur vorgenommen werden, wenn die Mehrheit damit einverstanden war. Aus den dörflichen Versammlungen entstanden Räte, die Dorf-Sowjets. Um die Landverteilungen gab es naturgemäß heftige Auseinandersetzungen und sie führten zu einer Fluchtbewegung aus den Rätegebieten, wobei offensichtlich nicht nur die frühere Dorfelite, sondern auch viele Mittelbauern und Kleinbauern flüchteten, die sich ungerecht behandelt glaubten. Doch die Dorfräte waren offensichtlich einigermaßen demokratisch, auch wenn sie letztendlich von der Partei kontrolliert wurden. Die zu ihrem Schutz entstehende Volksbefreiungsarmee war außerdem sehr diszipliniert und unterschied sich wohltuend von den Räuberbanden der Kriegsherren, aber auch von der Kuomintang-Armee.

In Moskau indes war die Komintern mit der Entwicklung unzufrieden und Stalin wollte in China Erfolge sehen. Der neue Parteivorsitzende Li Lisan(5) (seit 1928), ein Anhänger Stalins und erfahrener Gewerkschafter, bekam die Aufgabe, die KPCH in den Städten, ausgehend von Shanghai, wieder aufzubauen. So sollte die führende Rolle des Proletariats erneut hergestellt werden. Mao und seine Genossen bekamen von der Komintern den Befehl, einige chinesische Städte zu erobern, um die abgebrochene Verbindung zu den chinesischen Arbeitern wieder herzustellen. Doch sie konnten 1930 nur kurzfristig die Stadt Changsa, Hauptstadt von Hunan, erobern. Der Angriff auf Nanchang, Hauptstadt der Provinz Kiangsi scheiterte. Auch diese törichte Politik der Komintern endete in einem Fiasko. Immer deutlicher zeigte sich der schädliche Einfluss aus Moskau und Mao begann, sich immer mehr ihm zu entziehen und seine eigene Politik zu betreiben. In dem von den Kommunisten beherrschten Gebiet, welches ziemlich abgelegen war, blieb er in den nächsten Jahren von der Komintern relativ unbehelligt.

Mittlerweile hatte Chiang Kai-shek 1928 auch den letzten Warlord in Peking besiegt und damit seine Hegemonialstellung in China ausgebaut, wenngleich es noch einige unabhängige Provinzen gab. Auch der Westen erkannte ihn als Regierungschef an und gab als Geste des guten Willens den Chinesen die Zollverwaltung in den Hafenstädten zurück. Chiang Kai-shek brauchte die Hilfe der Europäer und der USA, da die Japaner immer offener vom Norden her kommend das Land bedrohten. 1931 annektierten sie die Mandschurei, ein Land mit vielen Rohstoffvorkommen und wichtigen Industrien. Ihr Angriff auf Shanghai 1932 konnte allerdings, mit Rückendeckung durch die Westmächte, abgewendet werden. Sein Regime blieb unpopulär, da er keinerlei Anstalten unternahm, die Notlage der Bevölkerung, speziell die der Bauern, zu beheben. Ein Reformprogramm hätte ihn populär machen können, unterblieb jedoch, da die Gentry dies verhindern konnte. Stattdessen sahen die Menschen nur einen unwürdigen Schacher um Posten, Pfründe und Intrigen und er verspielte daher bald die anfänglich für ihn vorhandenen Sympathien.

Chiang Kai-shek sah als größte Gefahr die Kommunisten an und wollte erst sie bekämpfen, danach dann den Kampf gegen die Japaner aufnehmen. Von Nanking aus, damals die chinesische Hauptstadt, Peking war wegen der Nähe zu den japanischen Truppen zu unsicher, begann Chiang Kai-shek 1930 mit seinen fünf „Einkreisungs- und Vernichtungsfeldzügen“ gegen die kommunistischen Rätegebiete in Hunan und Kiangsi. Diese waren zwar nur klein, es lebten dort etwa 10 Millionen Menschen, aber trotzdem gelang es den Nationalchinesen nicht, diese Regionen zu erobern, da die Kommunisten einen zähen Guerillakampf führten. Doch im Oktober 1934 schickte Chiang Kai-shek fast eine Million Soldaten, unterstützt von Flugzeugen und Panzern, gegen die „Sowjetrepublik“, die nur etwa 180.000 Kämpfer und 200.000 unterstützende Partisanenverbände entgegen schicken konnte. Nach schweren Verlusten sammelte Mao die Reste seiner Truppen und durchstieß in einem Überraschungsangriff den Ring der Kuomintang und machte sich mit rund 100.000 Mann auf den legendären langen Marsch. Ständig von den feindlichen Truppen verfolgt, legten Maos Einheiten zu Fuß in einem Jahr zehntausend Kilometer in weit nach Westen ausschwingenden Bogen bis in die nordchinesische Provinz Shensi (Shaanxi) zurück, wo nur noch 20.000 Überlebende eintrafen und sich dort vorläufig in Sicherheit befanden. Der Nordteil von Shensi, ein rückständiges, entlegenes Gebiet an der mongolischen Steppe, war leicht zu verteidigen. Yan‘ an wurde die Hauptstadt dieser kleinen kommunistischen Republik. Während des langen Marsches wurde Mao endgültig zum neuen Parteivorsitzenden gewählt.

1935 änderte die Komintern auf ihrem siebenten Weltkongress in Moskau ihre Strategie. Angesichts der Bedrohung durch die faschistischen Mächte, Deutschland, Italien und Japan, in dem seit 1931 die Militärs die Macht übernommen hatten und dessen Regierung deshalb auch als faschistisch eingestuft wurde, sollten die kommunistischen Parteien überall den Klassenkampf vorläufig einstellen und mit allen patriotischen Kräften, auch dem Bürgertum, eine Volksfront bilden, um den Faschismus zu stoppen. Praktiziert wurde diese neue Politik alsbald in Frankreich und Spanien und auch in China sollten die Kommunisten die Strategie übernehmen. Statt gegen die Kuomintang zu kämpfen, sollten sie in Zukunft mit der Kuomintang gegen die Japaner in den Krieg ziehen. Der stark geschwächten KPCH schien dies sinnvoll zu sein, nur ihr Erbfeind, Chiang Kai-shek, wollte den Krieg fortführen, auch wenn in seiner Regierung immer mehr Mitglieder für ein Bündnis mit den Kommunisten eintraten, um den blutigen Bürgerkrieg zu beenden.

Im Dezember 1936 startete der General eine neue Offensive von Xian aus gegen die Kommunisten in Shensi, als dort stationierte Truppen meuterten, Chiang Kai-shek gefangen nahmen und eine Einheitsfront gegen Japan forderten. Während seiner Gefangenschaft besuchte ihn Chou En-lai und drängte ihn zu einem Bündnis mit den Kommunisten und unter Druck stimmte der General ihm dann, wenn auch widerwillig, zu. Damit endete vorläufig der Bürgerkrieg. Die Kommunisten wurden als vierte Armee formal der Kuomintang unterstellt.

Mittlerweile hatte auch die KPCH ihre Politik in dem von ihnen besetzten Gebiet geändert. Hatten sie zunächst in Shensi ähnlich wie früher in Südchina mit Umverteilungen des Bodens zugunsten der Kleinbauern begonnen, wurde die zuvor in Hunan und Kiangsi betriebene Strategie des Klassenkampfes eingestellt und sie begnügten sich fortan mit der Senkung von Pachtgebühren und Zinsreduzierungen. Stattdessen strebte man nun ein breites Bündnis an zwischen Kleinbauern, Mittelbauern, Großbauern und selbst mit den Großgrundbesitzern. Sie alle sollten die Einheitsfront gegen Japan bilden und deshalb verzichtete die Partei weitgehend auf Landumverteilungen. Diese neue Strategie hatte Erfolg. Die Kommunisten erschienen nun vor allem als Patrioten und nicht mehr als Sozialrevolutionäre. Dies machte sie auch für andere Klassen interessant und bescherte ihnen einen großen Zulauf.

1937 begannen die Japaner mit ihrem Großangriff auf China, besetzten Shanghai und andere Städte an der Küste. Doch wider Erwarten leistete die Kuomintang im Süden Chinas, wo sie ihre Basis hatte, heftigen Widerstand und konnte nicht besiegt werden. Im Norden waren die Aggressoren relativ erfolgreich, aber es trat das ein, was die Kommunisten erhofft hatten. Die Japaner konnten zwar weite Teile des Landes überrennen, die Verwaltung zerstören, die Beamten vertreiben und durch ihre eigenen Kreaturen ersetzen, aber es erwies sich als unmöglich, das gesamte Land mit ausreichend Truppen zu kontrollieren. Die Japaner beherrschten nur einige Stützpunkte, Inseln in einem feindlichen Meer, denn überall auf dem Lande sickerten nun die roten Partisanen ein. Mao hatte später in einem Interview einmal gesagt, das die japanische Invasion einen Glücksfall für die Kommunisten darstellte, denn diese zerstörte die alte Ordnung, die nun von den Kommunisten ersetzt und neu aufgebaut werden konnte. Außerdem trieben die Invasoren den roten Partisanen die Mitgliedermassen zu, denn der Krieg gegen die Fremden vereinte alle Chinesen, ungeachtet ihrer Klassenzugehörigkeit.

Während des Krieges flüchteten aus vielen Teilen Chinas vor allem zahlreiche intellektuelle nach Shensi und unterstellten sich der Partei. Hatten die Kommunisten nach dem langen Marsch nur einige zehntausend Mitglieder gehabt, schwoll deren Zahl bis 1945 auf 1,2 Millionen an. Mit ihnen kamen auch zahlreiche neue Ideen, vor allem auch liberale Vorstellungen, in diese entlegene Region. Die KPCH fürchtete um ihren Alleinvertretungsanspruch, sah die Reinheit ihrer Ideologie in Gefahr und startete deshalb von 1942 bis 1944 die berüchtigte Berichtigungskampagne, die Yan’an Bewegung. Ziel war die Aufdeckung konterrevolutionärer Verschwörergruppen in der Partei. Die intellektuellen sollten von den Bauern lernen und wurden zur Landarbeit geschickt. Die korrekte Politik sollte durch Arbeitszwang, Kritik und Selbstkritik vor einer bäuerlichen Gemeinde, erlernt werden. Vor allem Disziplin, Gehorsam gegenüber der Leitung und Einordnung in die Kommandostrukturen der Partei waren nun erwünscht, freies Denken wurde eingeschränkt, eine Art Stalinisierung setzte ein, um die vielen neuen Mitglieder besser kontrollieren zu können. Mehrere Jahre dauerte dieser Gesinnungsterror, bis er schließlich stark reduziert wurde, als der terroristische Charakter dieser Zwangsmaßnahmen zunehmend auf Widerstand stieß. Doch er erreichte offensichtlich sein Ziel, am Ende hatte man die Meinungen der Parteimitglieder erfolgreich gleichgeschaltet.

Eine wirkliche Zusammenarbeit zwischen der Kuomintang und den Kommunisten während des Krieges gab es nicht, da sie unabhängig voneinander operierten. Als die Kommunisten auch zusehends in den Süden eindrangen, begann 1941 Chiang Kai-shek erneut Kampfhandlungen und vernichtete teilweise die vierte Armee der Kommunisten und blockierte die nördlichen Gebiete. Damit war die Kooperation zwischen den beiden Kontrahenten praktisch beendet.

Kuomintang und Kommunisten – Neuer Bürgerkrieg 1945-1949

1945 musste Japan kapitulieren und aus China abziehen. In die Mandschurei, dem wichtigsten, weil industriell fortgeschrittensten Teil des Landes, marschierte die russische Armee ein, zog allerdings schon kurze Zeit später wieder ab, nicht ohne vorher nahezu die gesamte Industrie zu demontieren. Nach dem Krieg war China eine geteilte Nation. Im Norden und Nordosten herrschten die Kommunisten auf dem Lande, im Süden regierte die Kuomintang. Eine Vereinigung schien unmöglich, denn keine der Parteien war bereit, die von ihnen beherrschte Region aufzugeben und sich mit dem Gegner wieder zu vereinigen. Als die Japaner abrückten, konnte die Kuomintang zwar die Städte des Nordens besetzen und übernahm auch die mandschurischen Stützpunkte, doch ihre Basen blieben isoliert, da die Kommunisten die ländliche Region beherrschten. In China kämpften nach dem Krieg nicht Demokraten gegen einen totalitären Kommunismus, sondern zwei Diktaturen standen sich gegenüber.

In dem nun folgenden Bürgerkrieg hatten die Kommunisten die besseren Ausgangschancen. Sie besaßen bei den Bauern einen großen Rückhalt und Vertrauen, welches sie sich im Laufe des Krieges erworben hatten. Die ländliche Bevölkerung wollte den Wandel, forderte eine soziale Revolution, eine neue Verteilung des Landes. Die KPCH stand für diese Veränderungen, während die Kuomintang das alte China vertrat, die Grundbesitzer, die korrupte Verwaltung, die habgierigen Militärs. So besaß diese Partei keine Basis mehr in der Bevölkerung. Eine galoppierende Inflation zerstörte den Handel, die Gruppe um Chiang eignete sich gewaltige Reichtümer an. Die Kuomintang presste die Landbevölkerung zum Wehrdienst und behandelte die neuen Soldaten oft unmenschlich. Sie terrorisierte die Universitäten und nahm wahllos Verhaftungen vor. So verlor die Partei auch in den Städten überall ihre Anhänger.

1947 stießen die Kommunisten Richtung Süden vor und näherten sich dem Yangtsetal. Im Jahr darauf umzingelten sie im Norden Peking und Tientsin, sowie Mukden und Changchun in der Mandschurei. Die Städte wurden eingekesselt und belagert, monatelang zog sich ihr Widerstand hin, bis sie schließlich aufgeben mussten. Anfang Januar 1949 kapitulierte die wichtige Stadt Peking. Ende 1948 näherten sich die Kommunisten Nanking. Der Süden lag nun vor ihnen. Friedensverhandlungen, die im Frühjahr 1949 begannen, blieben ohne Ergebnis. Im Sommer nahmen die Kommunisten sehr schnell nacheinander Shanghai und Kanton ein. Chiang Kai-shek flüchtete mit den Resten seiner Armee nach Taiwan. (6)

In dem letzten Bürgerkrieg hatten ausländische Mächte nur eine geringe Rolle gespielt. Die Amerikaner setzten zwar auf Chiang Kai-shek, unterstützten ihn aber nur halbherzig. Sie wussten, sein Regime war korrupt und unzuverlässig, doch von seinem schnellen Sturz wurden sie dann doch überrascht. Nach Maos Sieg setzte in den USA eine antikommunistische Hysterie ein. Ein weiterer Vormarsch des Kommunismus in Asien sollte auf jeden Fall verhindert werden. In Korea 1950 intervenierten daraufhin die Amerikaner, nachdem ähnliche Überlegungen für China noch auf Ablehnung gestoßen waren. Die UDSSR hatten sich gleichfalls kaum eingemischt. Sie überließen den Kommunisten in der Mandschurei lediglich Waffenlager. Stalin blickte voller Misstrauen auf diesen neuen Staat und die merkwürdige Bauernrevolution, die allen orthodoxen Marxisten suspekt blieb, er fürchtete für die Zukunft einen kommunistischen Rivalen. Da Mao praktisch ohne die Hilfe der Russen an die Macht gekommen war, ließ er sich auch nicht wirklich kontrollieren.

Die Revolution in China ähnelte der Eroberung eines Landes durch eine Armee. Von Shensi ausgehend, hatte die Volksbefreiungsarmee langsam eine Provinz nach der anderen erobert in einem mühseligen, erbitterten Kampf. Somit unterschied sich die chinesische Revolution von der französischen und der russischen Revolution, die ja mit Volksaufständen in den Städten begannen und von der Stadt aus das Land revolutionierten, während es in China genau anders herum war. Von einer hierarchisch aufgebauten Armee mit ihren Kommandostrukturen kann man keine wirkliche Demokratie erwarten und somit erwies sich die von Mao proklamierte „Neue Demokratie“, die er bei der Ausrufung der Volksrepublik China im Oktober 1949 verkündete, als reine Fiktion.

Diese neue Demokratie sei seiner Meinung nach ein Bündnis von Arbeitern, Bauern, Handwerkern, Kaufleuten, nationalen Kapitalisten und richte sich gegen die Imperialisten, Feudalherren und deren Handlanger. Sie sei für das Volk eine Demokratie, für die ehemaligen Gegner aber eine Diktatur, denn diese würden in der ersten Zeit keine demokratischen Rechte erhalten. Doch die Kommunisten begannen auf dem Lande mit der Politik des Fanshen, der Umdrehung der Körper, der Umwälzung der Sozialordnung. Alle Familien sollten jetzt Land bekommen, und auch Großbauern und Mittelbauern, vorher noch Mitglieder der antijapanischen Einheitsfront, gerieten nun in Gefahr und viele hatten Angst, als „feindliche Klasse“ eingestuft zu werden. Wieder spielten subjektive Einstufungen und Willkür durch übereifrige Funktionäre eine böse Rolle. Auf vielen Dorfversammlungen kam es zu erbitterten Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Sippen. Im Laufe der Jahrzehnte hatte sich vielerorts ein ungeheurer Hass aufgestaut zwischen reichen und armen Bauern, zwischen Kollaborateuren der Japaner und der Kuomintang einerseits und Unterstützern der Kommunisten andererseits. Die endlosen Kriege hatten die Menschen verroht, Brutalität und Gewalt bestimmten in den Zeiten der Wirren lange Zeit das Leben der Menschen. Wie viele Personen direkt nach der Machtübernahme der Kommunisten getötet wurden, ist schwer zu sagen, die Schätzungen gehen weit auseinander, von 400.000 bis 5 Millionen. Auch wenn viele Bauern jetzt Land erhielten, der Staat brauchte aber Geld und die neuen Steuern, die nun zu entrichten waren, unterschieden sich manchmal in ihrer Höhe kaum von den früheren Pachtgebühren der Grundherren, auch wenn die neuen Steuern jetzt zu den Klängen von Musik und Gesang scheinbar freudig von begeisterten Bauern bei den Behörden entrichtet wurden.

Auch das städtische Bürgertum sah sich getäuscht, denn der Staat griff trotz aller Versicherungen in ihre Geschäfte ein und besteuerte sie hoch. Die Partei misstraute ihrer Bourgeoisie und in Shanghai kam es zu einer Serie von öffentlichen Selbstmorden, eine alte chinesische Tradition im Kampf gegen die Obrigkeit. Bürger stürzten sich aus ihren Häusern und die Partei ließ die Häuserfassaden vergittern, da der Anblick der vielen Leichen ihrer Propaganda Hohn sprach.

So begann in China eine neue Phase der Diktatur, denn die Partei verfolgte Ziele, die mit den anfänglichen Hoffnungen ihrer Unterstützer oft nicht übereinstimmten. Die Kommunisten wollten keine Gesellschaft aus lauter Privatbauern, sondern sie erzwangen zunächst die Gründung von Genossenschaften, dann nahmen sie die Kollektivierung der Landwirtschaft vor und enteigneten somit die Bauern wieder. Auch private Unternehmen waren nicht gefragt, denn das Kapital sollte in Zukunft allein dem Staat gehören, der es zur Finanzierung großer Industrieunternehmen verwendete. Wie einst im kaiserlichen China sollte sich die politische und wirtschaftliche Macht in den Händen einer kleinen Führungsspitze konzentrieren, der alle im Land zu gehorchen und der sich jeder zu unterwerfen hatte. In der sozialistischen Gesellschaft ging man noch einen Schritt weiter, denn nun sollte alles dem Staat und nichts mehr dem Einzelnen gehören. Das dieses Modell kläglich scheitern würde und das unter Deng Hsiao-ping(7) die Kollektivierung der Landwirtschaft rückgängig gemacht und Kapital wieder privatisiert werden würde, konnte man in der frühen Phase der Volksrepublik noch nicht erkennen.

In einem schönen, melodischen Lied heißt es: „Der Osten ist rot“, doch schon sehr bald sollte er sich auch blutrot verfärben, da viele den Kommunisten nicht auf dem Weg in die vermeintlich schöne Zukunftsgesellschaft folgen wollten.

Mao Tse-tung gehört ohne Zweifel zu den überragenden Persönlichkeiten der chinesischen Geschichte. Als Revolutionär gehört er in die Reihe der großen Bauernrebellenführer, von denen China nicht wenige hervorgebracht hat. Auch diese waren oft skrupellos gewesen, hatten sie es doch aber auch mit brutalen Gewaltherrschern zu tun gehabt. Als Regent im neuen China ähnelt er hingegen mehr dem berüchtigten Kaiser Shi Huangdi (221-207 v.u.Z.)(8), mit dem er sich auch gerne verglich, und der seinerzeit mit Gewalt und Terror ein völlig neues China erschaffen wollte, in dem er die Macht der Feudalherren zerschlug und die Grundlagen für den chinesischen Beamtenstaat schuf. Während aber die Strukturen, die der alte Kaiser errichtete, mehr als 2.000 Jahre Bestand hatten, zerfiel die Ordnung von Mao schon kurz nach dessen Tod. Dass sein Lebenswerk, die Schaffung eines völlig neuen kommunistischen Menschen, scheitern würde, ahnte er bereits wenige Jahre vor seinem Tod, als er dem amerikanischen Präsidenten Nixon anvertraute, er hätte lediglich einige Dörfer in der Nähe von Peking ein wenig verändern können.

Anmerkungen:

(1) Henricus Maring alias Sneevliet (1883-1942) Niederländischer Kommunist und Funktionär der Komintern. Wurde in den Niederlanden während der nationalsozialistischen Besatzungszeit hingerichtet.

(2) Chen Duxiu (1887-1942) Der Parteigründer der KPCH wird auch heute noch für die Niederlage von 1927 verantwortlich gemacht, obwohl er lediglich Anordnungen der Komintern durchführte. Da er später Trotzkist wurde, ist er in China eine Unperson.

(3) Chou En-lai (1889-1976) Einer der wichtigsten Führer der KPCH und später Premierminister der Volksrepublik China bis zu seinem Tod.

(4) Heinz Neumann (1902-1937) Deutscher Kommunist. Emigrierte 1933 in die Sowjetunion und wurde dort 1937 als angeblicher Konterrevolutionär erschossen. Seine Lebensgefährtin, Margarete Buber-Neumann, wurde in der Sowjetunion verhaftet und 1940 an Deutschland ausgeliefert. Siehe ihr Buch: Als Gefangene bei Stalin und Hitler: eine Welt im Dunkel.

(5) Li Lisan (1899-1967) Nach der Niederlage von Changsa wurde er als Parteivorsitzender abgelöst und ging in die Sowjetunion. Nach Gründung der Volksrepublik kehrte er zurück und bekleidete zeitweilig den Posten als Arbeitsminister. Während der Kulturrevolution wurde er heftig angegriffen und vermutlich von Rotgardisten gefoltert.

(6) Seit 1949 regierte Chiang Kai-shek Taiwan in Form einer Einparteiendiktatur, die vor allem in der Anfangsphase außerordentlich repressiv war und verhängte das Kriegsrecht. Auf Drängen der Amerikaner führte er auf der Insel eine Bodenreform durch, die sein autoritäres Regime stabilisierte. Er betrieb die Politik der „Drei Großen Nein“: Keine Kontakte, keine Verhandlungen, keine Kompromisse. Erst lange nach seinem Tod 1975 begann in neunziger Jahren eine schrittweise Demokratisierung.

(7) Deng Hsiao-ping (1904-1997) Nachfolger von Mao. Leitete nach dessen Tod eine umfangreiche Reformpolitik ein.

(8) Shi Huangdi (221-207 v.u.Z.) Zunächst nur Herrscher des Teilstaates Chin, eroberte alle anderen Teilstaaten und gründete ein erstes Gesamtchina, entmachtete den Feudaladel und errichtete ein bürokratisches Verwaltungssystem, erbaute die Große Mauer zu einem Gesamtsystem aus, schuf eine einheitliche Schrift und Währung. Galt als extrem grausamer Herrscher, ließ die berühmte Terrakotta Armee bauen.

 

Lebensdaten:

Chiang Kai-shek 1887-1975

Mao Tse-tung 1893-1976

Sun-Yat-sen (1866 oder 1870 – 1925)

Literatur:

Eberhard, Wolfram, Geschichte Chinas, Stuttgart 1971

Fitzgerald, C.P. Revolution in China, Frankfurt am Main 1969

Hinton, William, Fanshen, Frankfurt am Main, 1976

Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke Band I, Peking 1968

Snow, Edgar, Roter Stern über China, Frankfurt am Main 1970

Umwälzung einer Gesellschaft. Zur Sozialgeschichte der chinesischen Revolution (1911-1949) Hrsg. Von Richard Lorenz, Frankfurt am Main, 1977