Cabral - der Entdecker BrasiliensWie hätten die Indios, die die Männer der Flotte Pedro Alvarez Cabrals am Strand des gerade entdeckten Landes „Vera Cruz“ sahen, wohl reagiert, hätten sie sich mit den Portugiesen verständigen und deren Weltbild verstehen können? Höchstwahrscheinlich wären sie in schallendes Gelächter ausgebrochen. Da hatten diese Männer so viele Dinge, die einen Indio zum mächtigsten Mann in seinem Dorf gemacht hätten, und alles, was sie wollten war, noch mehr zu erwerben und ihre Religion zu verbreiten! Dabei waren die Portugiesen, verglichen mit ihren Konkurrenten, den Spaniern, für die brasilianischen Ureinwohner noch die angenehmere Variante der Spezies „homo colonisationicus“! Sie wollten nämlich zu diesem frühen Zeitpunkt ihrer überseeischen Tätigkeit keineswegs Kolonien gründen, sondern „nur“ Handelswege erschließen. Das war auch der Hintergrund der Entdeckung Brasiliens.

Eigentlich war die Flotte unter Führung des adligen Diplomaten Cabral auf dem Weg nach Indien. Dort lockten märchenhafte Reichtümer, und der von der vorhergehenden Expedition des Vasco da Gama (zwar ein erfahrener Seemann, aber auch ein schlechter Diplomat) erschlossene Seeweg um Südafrika herum bot Portugal entscheidende Vorteile: Einmal konnte man so die mit hohen Zöllen und einer langen Reisedauer verbundenen Karawanenwege durch Arabien entscheidend abzukürzen. So wurden die Gewürze, die man aus Indien bezog, sehr viel billiger. Diese Gewürze waren für die Europäer deswegen so wichtig, weil man sie dringend zur Konservierung von Fleisch sowie zum Genießbarmachen der oft lange lagernden Speisen brauchte. Ein zweiter Punkt, der den Seeweg nach Indien für Portugal so wichtig machte, lag in der Konkurrenz mit den italienischen Handelsmächten, allen voran Venedig. Konnte man sie ausstechen, war man die dominierende Handelsmacht Europas – und konnte die Preise diktieren.

Bartolomeo Diaz, der als erster das Kap der Guten Hoffnung umrundet hatte, hatte Schwierigkeiten gehabt, die westafrikanische Küste zu bewältigen, weil Windstillen und Gegenwinde ihn behinderten. Der geniale Nautiker hatte aber schon eine Lösung parat: Er gab Vasco da Gama, der den Weg nach Indien dann in königlich portugiesischem Auftrag weiter erkundete, den Hinweis, weiter nach Westen auszuholen, um die gefährliche Zone auf dem offenen Atlantik zu umgehen. Da Gama wies dann seinerseits Cabral an, nach Passierung der Kanarischen und Kapverdischen Inseln nach Südwesten zu fahren, und erst nach Osten abzubiegen, wenn günstige Winde einträfen. Die Erfahrung sollte zeigen, dass diese Route mitten in ein Sturmzentrum im Atlantik führte, so dass spätere Indienfahrer noch weiter nach Süden fuhren, um dieses Zentrum zu umgehen. Davon abgesehen war dies aber tatsächlich die für Segelschiffe günstigste, noch heute eingehaltene Route nach Indien. Auf dieser Route waren die Portugiesen aber abgeschnitten von ihren seit dem Beginn der Entdeckungsfahrten unter der Ägide Heinrich des Seefahrers angelegten Stützpunkten entlang der westafrikanischen Küste. So dürfte Cabral höchst erfreut gewesen sein, als sich ab dem 21. April 1500 die Anzeichen für nahes Land mehrten – fast 700 Meilen vom letzten bekannten Land, den Kanaren, entfernt ! Der sich bei der Flotte befindliche Astronom Meister Johannes rechnete zwar augenscheinlich mit der Existenz eines Landes in dieser Weltgegend, wies er doch den protugiesischen König Manuel an, sich auf einer „mapa antiga“, einer alten Karte, die Lage des neuen Landes anzusehen. Auch ist es möglich, dass bereits einige Jahre zuvor eine portugiesische Expedition Brasilien zumindest gesichtet hat. Doch erst seit Cabrals Fahrt war Brasilien, wie es nach seinem Hauptexportgut, dem Brasilholz, genannt wurde, fest eingeplanter und auf allen Seekarten verzeichneter Stützpunkt der portugiesischen Ostindienfahrer.

Dass dies der eigentliche Nutzen des neuen Besitzes der Krone Portugals war, zeigt sich nicht nur darin, dass König Manuel den Katholischen Königen Spaniens, seit 1494 durch den Vertrag von Tordesillas mit päpstlichen Segen zusammen mit ihm Mitbesitzer aller neu entdeckten Ländereien in der Neuen Welt, berichtete: „Es scheint, dass unser Herr durch ein Wunder wollte, dass (dieses Land) aufgefunden würde, denn es ist sehr nützlich und notwendig für die Schifffahrt nach Indien.“ Dies war auch ein Hinweis darauf, dass die Spanier nicht versuchen sollten, die durch den Vertrag festgelegte Trennlinie zwischen dem spanischen und dem portugiesischen Anspruchsgebiet, ca. 1700 km westlich der Kapverden gelegen, zu überschreiten, wodurch der gesamte Atlantik mit Brasilien in die Hände der Portugiesen fiel; damit hatte diese Nation das Monopol auf den soeben entdeckten Weg nach Indien !

Auch die Verdrängung des Namens „Terra da Vera Cruz“, den ihm Cabral verliehen hatte, durch den Namen Brasilien betont die in erster Linie wirtschaftliche Bedeutung des Landes für Portugal.

Erst als die nördlicheren Seefahrernationen Europas, England, Frankreich und die Niederlande, die Demarkationslinie von Tordesillas nicht mehr anerkannten und die Niederländer in Brasilien Kolonien gründeten, gingen auch die Portugiesen dazu über, Siedlungskolonien zu gründen und das Land zu durchdringen.

Dabei konnten sie sich auf die äußerst genauen anthropologischen Beschreibungen von Cabrals Mitfahrern stützen, die ihrem König die Indios so genau schilderten, dass spätere Wissenschaftlern kaum noch etwas hinzuzufügen blieb.