Das chinesische Kaiserreich

Die chinesische Revolution orientierte sich an den großen Vorbildern der Französischen Revolution und dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Doch ihr Weg führte nicht in eine parlamentarische Republik, sondern direkt ins Chaos. Sie überlebte nur wenige Monate und kurz darauf versank das Land in jahrzehntelangen Bürgerkriegen, die erst 1949 mit der Machtübernahme durch die chinesischen Kommunisten endeten.

Ohne die nachfolgende Schilderung vorwegzunehmen, sei hier nur kurz erwähnt: Die Revolution war vor allem das Werk der städtischen Mittelschichten, bestehend aus Intellektuellen, Kaufleuten, zurückgekehrten Auslandschinesen, partiell unterstützt von Arbeitern und Beamten, Teilen der herrschenden Oberschicht, Großgrundbesitzern und hohen Beamten. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung, die große Masse der Bauernschaft, blieb unbeteiligt. Die schmale Schicht der Aktivisten konnte zwar das kaiserliche Regime stürzen, erwies sich aber als zu schwach, um eine neue Ordnung aufzubauen. Die Kommunisten unter Mao-Tse-tung lernten aus diesem Fehlversuch und folgerten daraus, dass nur eine Revolution, die sich auf die Bauernschaft stützen konnte, erfolgreich sein würde.

Die Qing-Dynastie, gegen die sich der Aufstand richtete, entstammte dem Volk der halb sesshaften Mandschus, die wiederum zu den Dschurdschen gehörten, und sie hatten Mitte des 17.Jahrhunderts vom Norden her kommend China erobert und erneut die Herrschaft einer fremdstämmigen Dynastie begründet. Der mandschurische Kriegeradel, gestützt auf seine Gefolgsleute, Banner genannt, erwies sich militärisch als äußerst erfolgreich und verfuhr zunächst so, wie alle feudal strukturieren Eroberer Heere. Der Adel konfiszierte das Land zahlreicher Bauern in Nordchina, versklavte sie, um sie anschließend auf den neu geschaffenen Domänen als Arbeitskräfte auszubeuten. Die Kraft der Armee reichte aus, um nicht nur China selbst, sondern auch die Mongolei, Sinkiang, Tibet, große Gebiete nördlich des Amurs und Kasachstan bis zum Balchasch-See zu unterwerfen. Nepal, Burma, Siam, Vietnam und Korea erkannten die Oberhoheit der Qing-Dynastie an.

Der schmalen Schicht von Eroberern, ungefähr 1 Million Menschen, standen 130 Millionen Chinesen gegenüber. Die Mandschus erkannten schnell, dass es einen großen Unterschied machte, ein Land zu erobern oder es dauerhaft zu beherrschen. Die ursprüngliche klare Trennung zwischen den neuen Herrschern, sichtbar durch eine räumliche Rassentrennung und dem Heiratsverbot zwischen Chinesen und Mandschus, ließ sich nicht lange aufrechterhalten. Die zügellose Ausbeutung auf den Domänen durch den Militäradel wurde gestoppt und die meisten Güter wieder aufgelöst. Glücklicherweise verfügte China über ein ausgeklügeltes Verwaltungssystem mit hervorragend qualifizierten Beamten. Es war sinnvoll, auf dieses bereits bestehende System zurückzugreifen.

Die Mongolen hatten einst den Fehler gemacht, der chinesischen Bürokratie die lukrativen Stellen vorzuenthalten und die Bauern auszubeuten. Die daraufhin entstehende Einheitsfront von Beamten und Bauern hatte die Fremdherrschaft bald beendet. Die Mandschus wollten diesen Fehler nicht wiederholen. Die Qing-Dynastie griff auf die eingespielte Bürokratie zurück und schon bald waren die meisten Stellen im Staat wieder von Chinesen besetzt. Um die Bauern zu befrieden, wurde die Agrarsteuer erheblich gesenkt und Mitte des 18. Jahrhunderts betrug sie nur noch 5 bis 6% der jährlichen Getreideernte. Nach Beseitigung der Verwüstungen, die durch die Invasion entstanden waren, blühte das Land wieder auf. Die Bevölkerung stieg sprunghaft an und betrug Mitte des 19. Jhdt. u.Z. bereits 430 Millionen Menschen. Durch innere Kolonisation konnte die Anbaufläche von 1661 bis 1851 um rund 41% vergrößert werden. Dadurch wuchsen die Steuereinnahmen noch einmal erheblich an.

Auch in China leistete der Staat die drei Hauptaufgaben: Schutz nach innen (Rechtspflege, Polizei), Schutz nach außen (Militär) und die Durchführung von Infrastrukturarbeiten. Letztere hatten allerdings schon seit Jahrtausenden einen gewaltigen Umfang angenommen, denn Landwirtschaft konnte nur betrieben werden, wenn der Staat erhebliche Vorarbeiten leistete. Die meisten Menschen lebten an den Ufern der großen Flüsse, im Norden in den Lößregionen des Hoangho, dem Kernland der chinesischen Zivilisation mit seinem Hirse-und Weizenanbau und weiter südlich am Jangtsekiang mit der Naßreiskultur. Doch die Flüsse sind unberechenbar, vor allem der Hoangho neigt zu Überschwemmungen und vernichtet dann riesige Siedlungsgebiete. Der Bau von Deichen, und zwar über hunderte von Kilometern, ist notwendig. Sumpfige Gebiete müssen entwässert werden, künstliche Bewässerung mit einem Kanalsystem ist erforderlich, da die Niederschläge unregelmäßig fallen. All dies übersteigt die Fähigkeit einzelner Dörfer bei weitem und bedarf einer zentralen Planung und Kooperation, die dies alles erst ermöglicht. Diese müssen von jeder Dynastie organisiert werden, will sie nicht untergehen.

Um das riesige Land zu verwalten, die Infrastrukturbauten zu organsierten und um die Steuern einzutreiben, verfügten die Kaiser seit jeher über einen gut ausgebildeten Beamtenstab. Wurden diese in der Anfangszeit vom Kaiser ernannt, führte die Sui-Dynastie (518-619 n.u.Z.) und danach die Tang-Dynastie (619-907 n.u.Z.) ein staatliches Prüfungssystem ein, um die Auswahl der Bürokratie nach objektiven Leistungskriterien vorzunehmen.

Das alte China wurde von einer Oberschicht regiert, bei der sich die Historiker nicht einig sind, ob ihre Macht und Autorität auf der Herrschaft über Grundbesitz oder auf dem Monopol der Ämter in der Bürokratie beruhte. Tatsächlich waren hohe Beamte (Mandarine) meistens auch Großgrundbesitzer und umgekehrt. In der Praxis verschmolzen beide und bildeten die gesellschaftliche Gruppe, die von westlichen Beobachtern als Gentry bezeichnet wurde. Beamte mussten eine Eignungsprüfung ablegen und nach dem Bestehen des Examens erhielten sie eine sehr geachtete und gut bezahlte Position im Verwaltungsapparat. Das Grundgehalt wurde noch einmal durch die weit verbreitete Korruption erheblich erhöht. Die Einnahmen aus Korruptionsgewinnen betrugen schätzungsweise das 16fache des Gehaltes, oftmals wohl noch erheblich mehr. Das Geld wurde in Land angelegt und von der Sippe verwaltet. Diese erhielt daraufhin die Möglichkeit, einem Familienmitglied die lange Ausbildung zu finanzieren, die für die Beamtenprüfung notwendig war. Die Bürokratie wies somit einen hohen Grad der Selbstrekrutierung auf. Aber auch wenn es keiner schaffte, die großen Ländereien, die in kleine Bauernstellen aufgeteilt und von Pächtern bearbeitet wurden, ermöglichten ein zufriedenstellendes Einkommen.

Die chinesische Gesellschaft durchlief seit vielen Jahrhunderten einen sogenannten dynastischen Zyklus: Zu Beginn des Zyklus besteht die Bevölkerung aus vielen freien Bauern, da zuvor der Großgrundbesitz durch eine Rebellion oder durch Nomadeneinfälle vernichtet worden war. Die Bürokratie organisiert die für die bäuerliche Produktion erforderliche Infrastruktur, die Steuern sind niedrig, die Dynastie stabil. Das Bauerntum wächst, neues Land wird erschlossen, die Steuereinnahmen steigen weiter.

Doch dann wird immer mehr Bauernland von Beamten, lokalen Grundbesitzern und Kaufleuten erworben, der Reichtum dieser Gruppen wird in Immobilien angelegt. Der private Sektor dehnt sich immer weiter aus, eine lokale Allianz aus Bürokraten und Großgrundbesitzern, die Gentry, wird immer mächtiger, zieht die Einnahmen der Bauernschaft an sich und behält den größten Teil der Steuereinnahmen für sich. Der Zentrale werden dadurch immer mehr Mittel entzogen, die Dynastie kann die notwendigen Infrastrukturbauten nicht mehr vornehmen und lässt sie verkommen. Die Bauern, die noch nicht von Großgrundbesitzern vereinnahmt wurden, müssen immer mehr Steuern zahlen, ohne vom Staat Gegenleistungen zu erhalten. Die Bevölkerungsvermehrung, der Druck auf das Land, lässt die Pachtgebühren erheblich ansteigen, die Bauern müssen an die Großgrundbesitzer immer höhere Abgaben zahlen. In einer solchen Situation kommt es dann zu einer Bauern Revolution oder die geschwächte Dynastie wird das Opfer ausländischer Invasoren. Danach wird der Großgrundbesitz von den Bauern zu einem großen Teil neu aufgegliedert und es beginnt ein neuer Zyklus unter einer neuen Dynastie.

Kurz vor Beginn der Mandschu-Invasion hatte es unter der Ming-Dynastie eine blutige Rebellion gegeben, die den Großgrundbesitz vielerorts zerstört hatte. Dieser Aufstand hatte die Ming-Dynastie erheblich geschwächt, weshalb es auch den Mandschus gelungen war, China zu erobern. Mit der Qing-Dynastie begann ein neuer dynastischer Zyklus, der die gleichen Strukturschwächen aufwies, wie bei den vorherigen Dynastien. Im 18. Jahrhundert begannen immer mehr Beamte damit, ihr Geld in Immobilien anzulegen, Großgrundbesitz zu etablieren und eine neue Gentry zu bilden. Vor allem im Süden des Landes vollzog sich dieser Prozess. Aber trotzdem hätte sich die Qing-Dynastie, die im 18. Jahrhundert und auch noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts über durchaus fähige Herrscher verfügte, einen Zerfallsprozess zumindest aufhalten können. Doch dann änderte der Zusammenstoß mit den Europäern alles, da nun die Entwicklung, die letztendlich auf die Zerstörung des Kaiserreiches hinauslief, sich rasend beschleunigte.

China hielt sich für die einzige Zivilisation auf der Welt und betrachtete alle anderen Völker als Barbaren. Diese waren in der Vergangenheit zwar öfters militärisch erfolgreich gewesen und hatten das Land der Mitte erobert, doch anschließend wurden sie von der überlegenen Han-Kultur entweder assimiliert oder wieder vertrieben. Mit den Europäern drangen aber zum ersten Mal Fremde in das Land ein, die den Chinesen zivilisatorisch gleichwertig und in vieler Hinsicht sogar überlegen waren. Dies registrierte man in Peking viel zu spät. Die Ausländer assimilierten sich nicht, im Gegenteil, sie formten die chinesische Kultur völlig um, die auf diese Weise ihre jahrtausendealte Identität verlor und in eine schwere Sinnkrise stürzte. Da die ersten Berührungen mit den Europäern allerdings hauptsächlich im Süden des Landes stattfanden, wurden sie im fernen Peking lange Zeit kaum registriert.

 

Der Einbruch der Europäer

Ab dem 16. Jahrhundert kam es zu sporadischen Kontakten zwischen europäischen Handelsschiffen und dem Reich der Mitte, scheiterte aber daran, dass das kaiserliche China eine Politik der Autarkie betrieb und kein Interesse an Wirtschaftsbeziehungen hatte. 1550 wurden die Portugiesen vertrieben, nachdem sie versucht hatten, die Häfen gewaltsam zu öffnen. Ein ähnliches Schicksal erlitten im 17. Jahrhundert die Holländer, die zwar die Pescadores Inseln und Formosa besetzten, aber auf dem Festland scheiterten. Erst 1637 erzwang der Engländer Weddel von der ostindischen Kompanie mit fünf Schiffen die Öffnung von Kanton und 1648 erhielten die Briten dort ein Niederlassungsrecht. Die englische East India Company versuchte im Laufe der nächsten 150 Jahre den Handel mit den Chinesen zu aktivieren und exportierte dorthin Zinn, Blei und Baumwollstoffe und empfing im Gegenzug Tee, Seide und Porzellan. Doch die Briten importierten mehr als sie exportierten und bezahlten die Differenz mit Silber. Aufgrund der aktiven chinesischen Handelsbilanz floss laufend Silber von Indien nach China ab. Die East India Company beschloss, dies zu ändern und begann um 1800 mit dem Schmuggel von Opium, welches in Indien angebaut und dann in das Reich der Mitte geschmuggelt wurde.

Dieses Gift hatte verheerende Folgen für die Volksgesundheit und zu Beginn des Opiumkrieges 1839 gab es schätzungsweise 2 Millionen Süchtige, Tendenz steigend. Durch den illegalen Opiumhandel flossen große Mengen Silber zwecks Bezahlung dieses Giftes aus China ab. Die kaiserliche Regierung ließ daraufhin von ihrem Beamten Lin große Menge illegaler Opium Vorräte von Schmugglern im Hafen von Kanton beschlagnahmen und später öffentlich verbrennen. Unter einem Vorwand eröffnete England daraufhin kriegerische Handlungen gegen China, die kaiserlichen Truppen wurden geschlagen und 1842 musste China im Vertrag von Nanking, dem ersten der sogenannten Ungleichen Verträge, demütigende Zugeständnisse machen. Sie verloren Hongkong an Großbritannien, mussten fünf Häfen für die Sieger öffnen, unter anderem Shanghai und Kanton, den unbegrenzten europäischen Handel erlauben und hohe Reparationszahlungen leisten. Opium konnte von nun an ungehindert in das Land eingeführt werden.

Die wirtschaftlichen Folgen waren für China katastrophal. Die bis dahin aktive Handelsbilanz wurde passiv, da nun erhebliche Silbermengen ins Ausland abflossen. Der Preis des Silbers, die Berechnungsgrundlage für die Steuern, verdoppelte sich in den nächsten Jahren, während der Preis des Kupfergeldes, der auf dem Lande übliche Währung, entsprechend sank. In dem Staathaushalt entstand ein riesiges Defizit, da die meisten Bauern nicht mehr imstande waren, ihre Steuern zu bezahlen. Der Staat benötigte schnell große Geldsummen. In den meisten Regionen wurden die Beamtenstellen käuflich, Vermögen und nicht länger Qualifikation waren die Voraussetzung für die Besetzung der höchsten Verwaltungsämter. Viele Bauern gerieten unter die Herrschaft gnadenloser Steuerpächter.

Die Folge war ein blutiger Bauernaufstand in den Regionen am Jangtsekiang, die Taiping-Revolte, der bald eine Erhebung im Norden, die Revolte der Nian, folgte. Es dauerte ein Vierteljahrhundert, bis diese Aufstände niedergeschlagen werden konnten. Die Zahl der Todesopfer wird auf 20 bis 30 Millionen geschätzt, große Gebiete, vor allem in Südchina waren anschließend verwüstet. Nur mit Hilfe westlicher Unterstützung konnte die kaiserliche Regierung die Revolten niederschlagen, aber damit geriet sie in eine völlige Abhängigkeit von den imperialistischen Mächten.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts musste China immer mehr Häfen öffnen, exterritoriale Gebiete zulassen wie in Shanghai, Stadtgebiete unter rein europäischer Kontrolle. Pachtgebiete entstanden, chinesische Provinzen, die den Ausländern zur Nutznießung überlassen wurden wie etwa Schantung, das deutsche Pachtgebiet in Nordchina. Die See- und die Zollverwaltung unterstand den ausländischen Staaten, die chinesischen Kolonien, Tonking, Annam, Birma, und Korea gingen verloren. Im Nordwesten annektierte Russland die Gebiete nördlich des Amur. Mit immer neuen Konzessionen errichteten die Fremden Eisenbahnen, Telegraphen, bekamen Bergwerke überschrieben, wurden Steuereinnahmen an sie verpfändet. Es begann ein großer Ausverkauf, China verlor zusehends seine Souveränität. Aufgrund der finanziellen Abhängigkeit von ausländischen Geldgebern mussten sie immer neue Ungleiche Verträge unterzeichnen, wurde das Land zum Spielball der imperialistischen Mächte.

 

Formierung der Opposition

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wirkte der ausländische Einfluss zusehends zersetzend auf die alte chinesische Gesellschaftsordnung. Über die Vertragshäfen pumpten die Fremden Massenprodukte ins Land, die über Eisenbahnen und Schiffe auch bis ins Landesinnere vordrangen und vorindustrielle Produktionsformen zerstörten. Beruhte das chinesische Dorf auf der Einheit von Agrikultur und Manufaktur und hatten viele Bauern einen Teil ihres Lebensunterhaltes durch Garnspinnen und dem Weben von Baumwollstoffen bestritten, so fielen diese Nebeneinnahmen weg, als immer mehr Importe aus Europa und vor allem aus Japan einheimische Produkte verdrängten, mit dem Ergebnis einer zunehmenden Proletarisierung der Landwirte und ihrer Abwanderung in die Städte. Aber auch dort kämpften die Handwerker gegen die Flut ausländischer Produkte. Doch der imperialistische Einfluss wirkte durchaus widersprüchlich. Da immer mehr Bauern einen größeren Teil ihrer Produkte vermarkteten, um Steuern bezahlen zu können und Waren zu beziehen, wuchs der innere Markt und schuf auch Chancen für einheimische Produzenten. Auch in den rapide anwachsenden Städten vervielfachte sich die Zahl der Konsumenten, entstanden kleine Betriebe für die Möbel-, Textil-, Papier-, Matten-, Schuh-Herstellung. Die Masse der chinesischen Kleinproduzenten bildete eine Art Schmutzkonkurrenz für die Ausländer, da sie auf der Überausbeutung chinesischer Arbeitskraft beruhte und mit absurd niedrigen Löhnen weiterhin konkurrenzfähig blieb.

Gegen die ausländische Dominanz bildete sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine widersprüchliche Allianz unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten:

Die Intelligenz, obwohl zahlenmäßig nicht sehr stark, wurde eine der einflussreichsten Gruppen, da sie über die notwendige Bildung und die Fähigkeit verfügte, chinesische Interessen zu formulieren und zu verbreiten, um so massenwirksam zu werden. Soziologisch gesehen handelte es sich um Söhne der Gentry oder wohlhabender Bauern, Abkömmlinge von Kaufleuten und Fabrikanten, Kinder von Beamten oder Militärs. In normalen Zeiten hätten sie Aussicht auf eine Anstellung beim Staat gehabt mit festem Gehalt und der Chance auf Korruptionsgewinne, doch angesichts des völligen Verfalls der Qing-Dynastie schied dies als Möglichkeit aus. Die Bekanntschaft mit den westlichen Staatsformen und den demokratischen und sozialistischen Theorien ließ in ihnen die Überzeugung wachsen, das keine neue Dynastie, sondern nur eine Republik China retten und ihnen selbst neue Karrierechancen eröffnen würde.

Die Kaufleute, Handwerker und Industriellen litten unter der ausländischen Konkurrenz, die ihre Gewinnchancen schmälerte. Da deren Firmen steuerlich begünstigt wurden, die Chinesen außerdem im Gegensatz zu den Produkten der Kolonialmächte häufig hohe Binnenzölle zu begleichen hatten, wurde der einheimische Kapitalismus künstlich klein gehalten und behindert. Eine Vertreibung der Imperialisten lag somit auch im Interesse der chinesischen Unternehmer.

Die entstehende Arbeiterschaft litt unter den entsetzlichen Arbeits- und Wohnbedingungen während der kapitalistischen Industrialisierung. Zwar wurden viele von chinesischen Unternehmern ausgebeutet, doch in diesem frühen Stadium entwickelte das chinesische Proletariat noch keine eigenen Organisationsformen oder ein Bewusstsein ihrer besonderen Lage und sah vor allem in den Mandschus den Hauptfeind. Erst später würde der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit sich voll entfalten.

Die Auslandschinesen spielten eine wichtige Rolle in der Revolution. Seit dem frühen 19. Jahrhundert wanderten viele Chinesen vor allem aus den südlichen Regionen aus, bevorzugt nach Südostasien, einige pazifische Inseln und nach den USA und Kanada. Oftmals kamen sie als Kontraktarbeiter in europäische Kolonien wie z.B. nach Malaysia und arbeiteten dort auf den Kautschukplantagen. Nicht wenige von ihnen gelangten im Laufe mehrerer Generation zu beträchtlichem Wohlstand. Obwohl schon lange außerhalb von China lebend, fühlten sie sich ihrem Heimatland weiter verbunden und wollten dessen unwürdigen Zustand beenden. Die Auslandschinesen unterstützten mit erheblichen Geldzuwendungen die republikanischen Bewegungen.

Auch innerhalb der herrschenden Schicht bildeten sich vor allem in Südchina oppositionelle Fraktionen, hohe Beamte und Teile der Gentry, die sich nicht mehr länger von Peking bevormunden lassen wollten. Sie zeigten allerdings keine demokratischen, sondern separatistische Neigungen.

Die Masse der Bauernschaft litt besonders unter den verheerenden sozialen Zuständen. Der Bevölkerungsdruck trieb die Pachtgebühren in die Höhe, da immer mehr Kleinbauern ihre Flächen vergrößern wollten. In der Nähe der großen Städte explodierten die Immobilienpreise und Pachtgebühren von 60% – 70% waren durchaus nicht ungewöhnlich. In der Revolution von 1911 spielten die Bauern aber noch keine Rolle, da die Führer des Aufstandes auf die städtische Bevölkerung zählten.

Das revolutionäre Potential in China brauchte jetzt nur noch einen geeigneten Führer, um mobilisiert zu werden. Dieser fand sich in der Person von Dr. Sun-Yat-sen, ein Intellektueller und Auslandschinese, die ideale Besetzung.

 

Anfang und Ende der Republik

175px-Sun Yat Sen portraitSun-Yat-sen (1866 oder 1870 – 1925) verbrachte seine Jugend auf Hawaii, siedelte 1886 nach Hongkong über, studierte Medizin und war anschließend dort als Arzt tätig. Mehrere Reisen in westliche Länder demonstrierten ihm die Überlegenheit von Demokratie und westlicher Technologie und nährten in ihm die Unzufriedenheit mit der mandschurischen Herrschaft. 1895 organisierte er erstmals in Kanton einen Aufstand, der aber fehlschlug. Später gründete er 1905 eine revolutionäre Organisation, aus der später die Partei des Volkes (Kuomintang) hervorging.

Sun-Yat-sen entwickelte die sogenannten drei Volksprinzipien: Nationalismus, Demokratie und Volkswohlstand und versuchte, sie mit seiner Partei durchzusetzen. Seiner Meinung nach hatte er hiermit ein revolutionäres Konzept entwickelt, welches in der Lage zu sein schien,                                                                         nicht nur eine Dynastie durch eine andere zu ersetzen, sondern es sollte China nach dem westeuropäischen und amerikanischen Vorbild völlig umstrukturieren und einen modernen Staat ins Leben rufen. So wie Sun-Yat-sen seine Prinzipien interpretierte, waren sie jedoch nicht geeignet, die hochgesteckten Ziele zu realisieren.

Nationalismus war für ihn identisch mit Vertreibung der mandschurischen Fremdherrschaft und der Herstellung einer Han-Nationalität. Die Befreiung Chinas war für ihn gleichbedeutend mit dem Sturz der Qing-Dynastie. Die westlichen Mächte empfand er hingegen nicht als Bedrohung. Ihr schädlicher Einfluss auf China war seiner Meinung nach auf die Politik der Mandschus zurückzuführen, die so ungünstige Verträge mit ihnen ausgehandelt hatten. Er glaubte, dass ein demokratisches China von den Westmächten als gleichberechtigte Nation anerkannt werden würde. Erst spät bemerkte er, dass dies reines Wunschdenken war.

Demokratie: Sun-Yat-sen träumte von einem republikanischen China, doch sah er auch, dass sein Land keinerlei demokratische Erfahrungen und Traditionen besaß. Deshalb sollten die Menschen schrittweise an die demokratischen Spielregeln herangeführt werden und er konstruierte drei Etappen. In der ersten, dreijährigen Etappe, kontrollieren noch die Militärs das Land, um es zu stabilisieren. Dann übergeben diese schrittweise die Macht an gewählte Volksvertreter und zum Schluss, nach sechs Jahren, wird das Land von einem Parlament regiert. Dies beruhte auf einer völligen Fehleinschätzung der politischen Ambitionen der Generäle in seinem Land.

Das Prinzip vom Volkswohlstand ist in seiner Darstellung besonders verworren. Er kannte das Elend der Arbeiterschaft in den USA und in Europa aus eigener Erfahrung. Dies lag seiner Meinung nach aber daran, dass sich dort der Boden in den Händen weiniger reicher Eigentümer befand, die die Menschen in die Städte vertrieben hatten, so dass sie dort für wenig Geld arbeiten mussten. Um eine solche Proletarisierung in China zu vermeiden, sollten die Bauern auf dem Land bleiben können. Ihm ging es nicht darum, den Großgrundbesitz zu zerschlagen, vielmehr plante er, durch eine neue Besteuerungsmethode den Grundeigentümer zu belasten und den Pächter zu entlasten. Eine solche Bodenreform hatte er von dem Amerikaner Henry George übernommen, der ähnliches für die USA geplant hatte. Ziel war es, damit eine Landflucht und die Proletarisierung der Bauern zu vermeiden.

Die drei Interpretationen seiner Voklksprinzipien klingen ziemlich wirklichkeitsfremd und wurden auch von vielen seiner Anhänger nicht geteilt. Ihrer Meinung nach konnte nur die Vertreibung aller Ausländer, der Sturz der Generäle und eine Enteignung des Großgrundbesitzes die chinesischen Probleme lösen. Dies war zumindest die Überzeugung des radikalen Flügels seiner Partei und später auch die Ansicht der Kommunisten. Zunächst jedenfalls war Sun-Yat-sen recht erfolgreich und entwickelte sich zur Gallionsfigur eines neuen, republikanischen China.

Puyi-ManchukuoDie Qing-Dynastie geriet in ihre letzte Krise, als die Kaiserin-Witwe Tzu Hsi 1908 starb, eine brutale und eingefleischte Reaktionärin, die jahrzehntelang jeden Fortschritt in China blockiert hatte. Zur Nachfolge bestimmte sie Pu Yi, ein Kind, unter der Vormundschaft eines Regenten. In dieser für die Zentrale schwierigen Situation, drängten eine Reihe lokaler Machthaber im Süden auf mehr Einfluss und weitreichendere Unabhängigkeit von Peking. Um die aufsässige Gentry in den südlichen Gebieten zu disziplinieren, beauftragten die Vertreter des Kaisers den General der nördlichen Truppen, Yuan Schik-kai, der über eine hervorragende und gut ausgerüstete Armee verfügte. Yuan vertrat die Interessen der oberen Staatsbeamten, hauptsächlich mandschurischer Abstammung, Gutsbesitzern und reichen Kaufleuten Nordchinas, des damals rückständigsten Landesteils.

Der Anlass, der zum Sturz der Mandschus führte, hatte eher zufälligen Charakter. Ende 1911 begannen in Westchina die sogenannten „Eisenbahnunruhen“. Die chinesische Regierung hatte eine Anleihe im Ausland aufgenommen und als Pfand eine Eisenbahnlinie enteignet, die chinesischen Aktionären gehörte. Diese wehrten sich dagegen, in dem sie die Bahnarbeiter mobilisierten. Kurz darauf brach in Wuchang (heute ein Teil von Wuhan) eine Militär Revolte aus. Dieser Aufstand wurde von Teilen der südlichen Gentry unterstützt. Yuan Schik-kai schien zunächst entschlossen zu sein, die Rebellionen zu unterdrücken, zögerte aber dann doch. Die Lage für die Aufrührer schien daher günstig zu sein, aber aus Angst vor einem Militärschlag der nördlichen Truppen nahm die südliche Gentry Kontakt mit den Revolutionären in Nanking auf, um ihre Position zu stärken. Diese nutzten die Situation aus, erklärten China zur Republik mit Sun-Yat-sen als neuen Präsidenten.

Die neue Regierung indes befand sich in einer schwachen Position. Sie verfügte über keine richtige Armee und stand den Truppen des Nordens ziemlich wehrlos gegenüber. Auch wollten sie keinen Bürgerkrieg riskieren, den sie kaum hätten gewinnen können.

Yuan Shi-KaiYuan Schi-kai zögerte noch immer mit einer Niederwerfung der südlichen Rebellion, da er nicht wusste, wie das westliche Ausland darauf reagieren würde. Diese hatten allerdings kein Interesse an einer demokratischen Republik, aber sie wünschten auch nicht unbedingt eine Fortsetzung der maroden Qing-Dynastie. Ein ihnen ergebener, starker Herrscher über ganz China schien die beste Lösung zu sein. Yuan Schi-kai erkannte, dass er dieser Mann sein könnte und nahm die günstige Gelegenheit wahr. Am 12. Februar 1912 zwang er den letzten Kaiser zur Abdankung. Anschließend bot Yuan der jungen Republik seine Unterstützung an unter der Voraussetzung, dass sie ihn zum Staatspräsidenten ernennen sollten. Sun-Yat-sen erkannte seine aussichtslose Lage und im Interesse der Erhaltung der Einheit des Reiches und zur Vermeidung eines Bürgerkrieges trat er am 14. Februar 1912 als Staatspräsident zurück. Am nächsten Tag wählte das Parlament Yuan Schi-Kai zum neuen Präsidenten.

Erstaunlich schnell hatten die Republikaner kapituliert und ihr Vertrauen in den neuen Machthaber war ohne Zweifel naiv. Doch während seiner kurzen Amtsperiode hatte sich das Parlament ohnehin nicht gerade ruhmvoll hervorgetan. Die Abgeordneten waren hauptsächlich damit beschäftigt gewesen, sich gegenseitig Pfründe zuzuschieben und sich selbst gewaltige Gehälter zu genehmigen. Die gleichzeitig wütende Korruption diskreditierte die Republik in der Öffentlichkeit sehr schnell. Yuan erkannte seine Chance, entmündigte das Parlament und erhob sich anschließend zum neuen Kaiser. Somit schien es so, als hätte erneut nur ein neuer Wechsel der Dynastien stattgefunden. Doch Yuan konnte sich nicht lange halten. Sein Land geriet in den Strudel des ersten Weltkrieges. Die Japaner setzten ihn unter Druck und beschnitten seine Macht, der Bürgerkrieg, den alle vermeiden wollten, fand letztlich doch statt. Yuan starb Anfang 1916 und damit endete auch endgültig die Monarchie.

In den nächsten Jahren werden die Reste der Gruppe um Sun-Yat-sen, die Kuomintang, zusammen mit der südlichen Gentry, die Macht wieder an sich reißen und in einen mörderischen Krieg mit den nördlichen Militärmachthabern verwickelt werden. In diesem Kampf werden sie zwar siegen, da sie aber nur die Interessen der städtischen Mittelschichten und Teile der Gentry vertreten und dabei die wichtigsten Probleme Chinas, die Agrarfrage und die Lage der Arbeiterschaft, völlig vernachlässigen, werden sie letztendlich scheitern und den Kommunisten das Feld überlassen müssen, die sich, im Gegensatz zu ihnen, der Bauern und Arbeiter annehmen.

Sun Yat-sen Li Yuanhong Wuchang 1912Ungeachtet seiner Fehler und Irrtümer wird Sun-Yat-sen heute sowohl von den Kommunisten als auch von den Nationalisten auf Taiwan als Begründer des modernen China verehrt, was auch ohne Zweifel berechtigt ist.

Anders als im benachbarten Japan, wo die Oberschichten einen erfolgreichen Modernisierungsprozess einleiteten, haben die Herrscher in China so etwas verhindert. Die Republikaner indes waren zu schwach, um sich durchzusetzen. So blieben letztendlich nur die Kommunisten, die sich dieser Aufgabe zu stellen wussten.

 

Empfohlene Literatur:

  • Eberhard, Wolfram, Geschichte Chinas, Stuttgart 1971
  • Fitzgerald, C.P. Revolution in China, Frankfurt am Main 1969
  • Franke, Herbert/Trauzettel, Rolf, Das chinesische Kaiserreich, Frankfurt am Main 1998
  • Umwälzung einer Gesellschaft. Zur Sozialgeschichte der chinesischen Revolution (1911-1949) Hrsg. Von Richard Lorenz, Frankfurt am Main, 1977
  • Wittfogel, Karl August, Das erwachende China, Reprint Wien 1971