Arkadien ist eine Landschaft auf der zentralen Peloponnes. Aufgrund der bergigen Natur wurde diese Landschaft nie von größeren Staaten beherrscht. Obwohl die Arkadier in den Kriegen der Messenier gegen die Spartaner auf Seiten der Messenier standen, gerieten sie auch nie unter spartanische Herrschaft, obwolhl Sparta die Arkadier in den Peloponnesischen Bund zwingen konnte.

In Arkadien hielten sich Reste der vorgriechischen Bevölkerung; nur hier und in Zypern hielt sich ein alter griechischer Dialekt, der die sog. „arakdo-zyprische“ Gruppe unter den griechischen Dialekten ausmachte. Auch Achaier wanderten nach der dorischen Wanderung hierher. Schon in griechischer Zeit entwickelte sich der „Mythos Arkadien“. Den hier lebenden Hirten sagte man ein besonders idyllisches und naturnahes Leben nach. Trotzdem gab es auch hier Siedlungen, offenbar auch schon in früher Zeit, denn im Schiffskatalog der Ilias tauchen auch Schiffe aus Arkadien auf.

Besonders ursprünglich soll auch die Religion der Arakdier gewesen sein. In ganz Griechenland erzählte man sich Geschichten von Kannibalismus und Werwölfen. Der Zusammenhang ergibt sich aus den Kulten von Zeus Lykaios und Apollo Lykaeos sowie des Pan. Alle drei Götter dürften griechische Überformungen eines älteren Kultes sein, wobei der Pan-Kult vielleicht dem ursprünglichen Kult noch am ähnlichsten sein dürfte.

Amerikanische Ausgrabungen am Lykaion („Wolfsberg“) in Arkadien erbrachten Spuren eines Heiligtums, das in seinen Anfängen auf das 3. Jahrtausend v.Chr. datiert wurde (frühhelladische Keramikfunde, minoisches Stiersiegel). Auch dies stützt die These, dass wir es bei den arkadischen Kulten mit vorgriechischen Phänomenen zu tun haben.

Pausanias überliefert Details, die allerdings aufgrund ihres mythischen Charakters durchaus mit Vorsicht zu genießen sind. Theophrastus, ein Schüler des Aristoteles, soll laut Porphyrius (einem Philosophen des 3.Jhs.n.Chr.) den Kult des Zeus Lykaios mit dem des karthagischen Baal Moloch verglichen haben.

Zeus hatte zum lykaiischen Kult nur eine formelle Verbindung. Zentrales Element des Kultes waren nächtliche Geheimriten, bei denen angeblich menschliches Fleisch verspeist worden ist. Wer von diesem Fleisch aß, konnte sich in einen Wolf verwandeln. Priester, die alle einer Familie angehört haben sollen, vollzogen laut Plato das Ritual alle neun Jahre. Wer sich im Gefolge des Rituals einmal in einen Werwolf verwandelt hatte, konnte seine menschliche Form erst wieder annehmen, wenn er die nächsten neun Jahre keinerlei menschliches Fleisch mehr zu sich nahm.

Der Mythos um Zeus Lykaion ordnet den Kult in einen größeren Zusammenhang ein: Der Legende nach soll Zeus eines Tages auf die Erde gekommen sein, um Gerüchte zu überprüfen, die besagten, dass die Menschen schlecht geworden seien. Lykaon („der Wolfsmann“), König von Arkadien und Sohn des Pelasgos (!), soll Zeus auf die Probe gestellt haben, indem er ihm Fleisch einer getöteten Geisel vorlegte. Nicht nur, dass das Töten einer Geisel schon ein Sakrileg darstellte, das Verzehren von Menschenfleisch war ein noch viel größeres Sakrileg. Als Reaktion darauf zerstörte Zeus das Haus des Lykaon durch einen Blitz, verwandelte den Frevler in einen Wolf, tötete seine 50 Söhne und schickte eine große Flut, in der alle Menschen bis auf Deukalion und seine Frau umkamen („Deukalische Flut“).

In der Nähe eines Zeus-Alters auf dem Lykaion gab es einen verbotenen Bezirk, in dem es angeblich keine Schatten gab – ein weiterer Hinweis auf eine alte Gottheit in Wolfsgestalt, die nur in der Nacht verehrt wurde? Überdies gibt es unterhalb des Lykaios-Gipfels in der Nähe des Zeus-Heiligtums ein Stadion, ein Hippodrom und eine Stoa, die in Verbindung mit dem Kultplatz stehen. Hier wurden sportliche Wettkämpfe abgehalten – laut Plinius d.Ä. die ältesten Spiele Griechenlands überhaupt.

Auch andere alte Gottheiten wurden mit dem Lykaion in Verbindung gebracht. So soll es am Berg eine Höhle gegeben haben, in der Rhea den Zeus geboren haben soll. Diese Höhle wurde „Kretaia“ genannt. Eine Verbindung zu Kreta ist wahrscheinlich, und sei es nur, dass beide geografischen Bezeichnungen auf das gleiche vorgriechische Wort zurückgehen, dessen Bedeutung allerdings unbekannt ist. Übrigens liegt auch die kretische Geburtshöhle des Zeus in der Nähe eines Ortes namens Lyktos…

Eine weitere Göttin, die außerhalb Arkadiens kaum bekannt war, war Despoina, die Tochter der Demeter, die in Lykosura (einer Gründung des Lykaon und angeblich älteste Stadt Arkadiens) verehrt wurde.

Apollo hatte in Bassai im Süden Arkadiens einen Tempel und wurde – allerdings offenbar nur in Athen – ebenfalls in einer Wolfsform verehrt – das Lykaion (lat. Lyceum), in dem Aristoteles wandelte, soll auf diesen Kult des Apollo Lykaeos zurückgehen.

Auf dem Lykaios befand sich auch ein Heiligtum des Pan, des Gottes, der im „Mythos Arkadien“ eine besondere Rolle spielt. Angeblich sollen arkadische Siedler auf dem römischen Palatin eine Siedlung gegründet haben und den Kult des Pan Lykaios samt Spielen in Rom eingeführt haben – die „Lupercalia“ sollen darauf zurück gehen. Der Mythos geht offenbar auf das Bemühen zurück, den Lupercalien mittels lautmalerischer Ethymologie einen griechischen Ursprung zu verschaffen, zeigt aber, dass die auf dem Lykaion verehrte Gottheit offenbar schon immer auch eine Verbindung zu sportlichen Wettkämpfen hatte.

Als im 4.Jh.v.Chr. der Arkadische Bund gegründet wurde und die Bundeshauptstadt Megalopolis quasi „auf der grünen Wiese“ errichtet wurde, wurde auch das Zeusheiligtum hierher transferiert, inklusive der Spiele, die bei dem ursprünglichen Heiligtum auf dem Lykaion abgehalten wurden.