Ab dem 7. Jahrhundert breitete sich, ausgehend von Mekka und Medina, der Islam immer weiter aus. Das gesamte islamische Gebiet nahm eine gewaltige Fläche ein. Es reichte von Spanien, wo die Muslime das Westgotenreich vernichteten, bis nach Indien. Ausgenommen blieben vorerst die christlichen Gebiete Nordeuropas und Italien. Im Osten kämpfte das byzantinische Reich zunächst gegen das Reich der Sassaniden und später gegen die Nachfolgedynastien dieser Machthaber. Im Westen schaffte es Karl Martell (der Großvater von Karl dem Großen) mit Hilfe der Langobarden, eine aus dem muslimischen Spanien vorrückende islamische Invasionsarmee 732 in der Schlacht bei Tours und Poitiers zu besiegen. Während in den folgenden Jahrhunderten Spanien im Rahmen der Reconquista (1085-1492) von den Christen erobert wurde, ging Byzanz schließlich unter (1453). In der Zwischenzeit gab es eine ganze Reihe bewaffneter Konflikte zwischen Christen und Muslimen. Am bekanntesten sind hier sicherlich die Kreuzzüge in das Heilige Land (die Kreuzzugszeit wird in der Regel von 1095-1291 datiert).

Es scheint manchmal verlockend zu sein, Vergleiche zwischen damals und heute zu ziehen. Einerseits ist das verständlich, da sich viele religiöse Institutionen auf beiden Seiten auch heute noch auf ihre mittelalterlichen Vorgänger beziehen. Auf der anderen Seite sollte man aber bedenken, dass die Voraussetzungen im Mittelalter gänzlich andere waren. Um es prägnant zu formulieren, waren sich Christen und Muslime zur Zeit des Mittelalters wesentlich näher, als dies heute der Fall ist. Warum? Um dies zu beantworten, lohnt ein näherer Blick auf beide Religionen im Mittelalter.

Es handelt sich zunächst um zwei monotheistische Religionen. Beide glauben an einen wahren Gott. Es gibt gewisse Richtlinien die festlegen, wie sich ein guter Gläubiger verhalten sollte. Im Christentum sind dies vor allem die zehn Gebote, im Islam die „Fünf Säulen“. Gemeinsam haben beide, dass es im Kern darum geht, ein friedliches Zusammenleben zwischen allen Gläubigen zu gewährleisten, den Armen zu helfen und seinem Glauben durch bestimmte Rituale Ausdruck zu verleihen. Beide Religionen schreiben vor, die eigene Gemeinschaft gegen äußere Feinde zu verteidigen und den eigenen Glauben weiter zu verbreiten. Auch sehen beide Glaubensrichtungen ein Leben nach dem Tod vor, in dem man für seine Taten zu Lebzeiten bewertet und gerichtet wird.
Staat und Kirche waren sowohl in den christlichen als auch in den islamischen Ländern miteinandern verbunden. Dies rührte vor allem daher, dass die Herrschergeschlechter ihre Herrschaft durch die Religion legitimierten. Aus diesem Grund kam es immer wieder zu einer Überschneidung von politischen und religiösen Interessen.

An dieser Stelle kann man auch schon erahnen, was der große Unterschied zu heute ist. Während im heutigen Europa (die USA lasse ich an dieser Stelle bewusst aus) der christliche Glauben als Basis des alltäglichen Lebens und der politischen Entscheidungen immer mehr an Bedeutung verliert, ist er den Muslimen weiterhin sehr wichtig und ein zentraler Lebensinhalt. Aus diesem Grund reagieren Europäer häufig relativ verständnislos auf Äußerungen und Handlungen in der islamischen Welt. Wichtige Information am Rande: In der modernen Türkei sind Staat und Kirche (noch) voneinander getrennt, ähnlich wie dies bei uns der Fall ist. Auch wenn Traditionen und althergebrachte Denkweisen auch heute noch in Entscheidungen hineinwirken, so standen sich die Menschen des Mittelalters auf dem Bereich des Glaubens und der Vorstellung von der Welt weit näher, als dies moderne Christen und Muslime tun.

Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Jerusalemreise von Heinrich dem Löwen im Jahr 1172. Auf der Rückreise traf er sich mit  dem Sultan K?l?ç Arslan II., einem der Herrscher der Seldschuken. Dieser fühlte sich gar teilweise als Deutscher, da eine Reihe seiner Familie von dort abstammte. Obwohl es beim anschließenden Gespräch auch um religiöse Fragen ging, trennten sich beide friedlich unter der Gabe von Geschenken. Bedenken Sie, dass es zwischen Seldschuken und Kreuzfahrern in den Jahren zuvor zu heftigen Kriegen gekommen war. Diese waren aber auch mit einem Invasionsheer in die Landstriche eingefallen, was eine Abwehrreaktion provozieren musste.

In den verschiedenen Liedern über die Kämpfe zwischen Franken und Muslimen in Spanien und Südfrankreich wird sehr schön deutlich, dass es bei allen religiösen Differenzen auf beiden Seiten das Konzept des Rittertums und Respekt für den Gegner gab. Die christlichen Autoren beschreiben beispielsweise im Willehalm des Wolfgang von Eschenbach die prachtvolle Ausstattung der muslimischen Ritter. Auch im Rolandslied des Pfaffen Konrad fällt diese Bezeichnung für die sarazenischen Krieger. Bei den Konflitken des Mittelalters ging es zwar auch immer um Religion, aber spielten beispielsweise bei den Kreuzzügen genauso häufig politische und wirtschaftliche Interessen eine wichtige Rolle. Auch wurden die Kreuzfahrer von den Muslimen anfangs keineswegs als Glaubenskrieger wahrgenommen, sondern sogar mit den üblichen Piraten gleichgesetzt, welche immer wieder die Küste Palästinas überfielen. Auch der Kampf zwischen dem englischen König Richard Löwenherz und Sultan Saladin ist ein hervorragendes Beispiel für die Parallelen, die zwischen beiden Parteien vorhanden war. Beide galten als ritterlich und ehrenhaft. Der Krieg wurde hier häufig, bei aller Brutalität mittelalterlicher Kriegsführung, nicht grausamer geführt als dies bei Kriegen zwischen christlichen Heeren der Fall war. Da keine Seite einen entscheidenden Vorteil erringen konnte, wurde schließlich ein Friedensvertrag geschlossen. Saladin gilt bis heute als beispielhaft im Bereich der Ritterlichkeit.

Trotz aller Parallelen waren Christen und Muslime Anhänger zweier verschiedener Glaubensrichtungen, die aus diesem Grund häufig in Konflikte gerieten. Sowohl in christlichen als auch in muslimischen Quellen finden sich Abschnitte, in denen ein Sieg auf die Unterstützung Gottes zurückgeführt wird, der so die jeweils andere Religion von seiner Überlegenheit überzeugen möchte. Das Außmaß dieses Unterschiedes sollte auch nicht unterschätzt werden. Dennoch waren sich die Glaubens- und Vorstellungswelten damals nicht allzu unähnlich. Gerade im islamischen Raum gab es auch immer christliche Gemeinden, die der muslimischen Bevölkerung untergeordnet waren und spezielle Abgaben zahlen mussten.

Alles in allem haben Christen und Muslime eine sehr intensive gemeinsame Geschichte. Es gab sowohl friedliche als auch kriegerische Kontakte. Handel und Diplomatie spielten eine ebenso wichtige Rolle wie der Krieg. Dass sich zwei Religionen mit dem Anspruch auf die einzige Wahrheit und der Anweisung auf deren Verbreitung nicht nur auf dem diplomatischen Parkett begegneten, ist dabei nicht überraschend. Überraschend ist, dass es eben so viele Beispiele für Kooperation und dem Erweisen von Respekt gibt. Eine Urfeindschaft nur aufgrund des Glaubens, losgelöst von weltlichen Angelegenheiten, hat es nie gegeben.

Quellen:

Kartschoke, Dieter (Hg. und Übers.). Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Stuttgart, 1993.

Kartschoke, Dieter (Hg. und Übers.). Wolfram von Eschenbach. Willehalm. Berlin, 1989.

Sekundärliteratur:

dtv-Atlas Weltgeschichte. Band 1. Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution. 33. Auflage 1999. München, 1964.

Hourani, Albert. A History of the Arab Peoples. Auflage 2005. London, 1991.

Blog: http://dasmittelalter.wordpress.com/2012/11/22/das-verhaltnis-von-muslimen-und-christen-im-mittelalter/