12-2015 CAB-Artis
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„Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang“, ist ein heute noch gültiges Zitat des griechischen Gelehrten Hippokrates. Es trifft gerade auf die antiken Hochkulturen des Mittelmeerraums zu. Wichtige Bausteine aus den Kulturen der Griechen, Etrusker und Römer bilden die Basis und die Grundsubstanzen unserer europäischen Identität.
Herausragende Kunstwerke dieser Völker und ihrer Kunstepochen sind die Kernstücke der neuen Ausstellung „Wahre Schätze“ im Themenschwerpunkt der Klassischen Antike.

 

Es hätte Rom ohne die Etrusker nie gegeben. Die Etrusker waren die Lehrmeister des Römischen Reichs. Auch hätten sie sich wohl ebenso kaum ohne das kulturelle Erbe und Wissen der Griechen entwickelt. Sie haben neben den Griechen die römische Kultur am meisten beeinflusst.

 

Die „etruskische Urne auf Kalksteintrohn“ ist eines der herausragenden Exponate im Alten Schloss. Ein Frauenkopf ziert sie und fasziniert den Betrachter nach mehr als 2500 Jahren durch ihre Formgebung. Nahezu zeitlos ist das Design einer griechischen Trinkschale aus dem 5 Jhd. v. Chr., die ein Künstler namens Drusis bemalte. Auf diesem kostbaren Trinkgefäß sind die Sportdisziplinen abgebildet, die den klassischen Fünfkampf darstellten: Diskuswurf, Weitsprung, Ringen, Speerwurf und Wettlauf. Die Teilnahme an den Olympischen Spielen war und ist für jeden Athleten der Höhepunkt seines Lebens. Auch die römische Marmorbüste des römischen Thronanwärters Nero Germanicus spiegelt einen wichtigen Abschnitt der Zeitgeschichte dar. Als Sohn des großen Feldherren Germanicus und Adoptivsohn von Kaiser Tiberius hätte er zu einem mächtigen Kaiser aufsteigen können, starb jedoch qualvoll in der Verbannung. „Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang“, die Antike beeindruckt durch ihre Kulturgeschichte(n).

 

Die Kostbarkeiten der Kunstkammer

Das gerade einmal 26 cm hohe Prunkgefäß aus der spiralförmigen, bunt schillernden Nautilusschale wird von Triton, dem griechischen Meeresgott mit Fischschwanz, in leicht gebückter Haltung auf der rechten Schulter balanciert. Kunstvoll windet sich eine vergoldete Schlange entlang des aufgerollten Gefäßes, die zusammen mit vegetabilen Ranken als Halterung dient. Mit der Linken packt der silbervergoldete Fischmann den Schwanz eines drachenartigen Meerwesens, dessen Körper aus dem Gehäuse einer Purpurschnecke gebildet ist. Es handelt sich dabei um einen der handwerklich höchst raffinierten, aufwändig gestalteten Nautiluspokale aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, der aus der herzoglichen Kunstkammer in Stuttgart stammt.

 

Die große Faszination der Kunstkammer der Herzöge von Württemberg wird ab 21. Mai 2016, im ersten Stock des Alten Schlosses im Landesmuseum Württemberg, wieder zu erleben sein. Hier im Herzen Stuttgarts präsentiert sich diese einzigartige Sammlung von Kunstschätzen und Preziosen wie eine goldglänzende und silberfunkelnde Enzyklopädie der Kunst- und Kulturgeschichte. Damals wie heute sollte sie den gesamten göttlichen Kosmos mit all seinen faszinierenden, teils fremdartigen Raritäten und Kuriositäten aus kostbarsten Materialien en miniature abbilden. Dabei bewies allein die hochwertige handwerkliche Qualität dieser Kunstwerke, der sogenannten Artificialia, die schöpferischen Fähigkeiten des Menschen, die mit den Werken Gottes, den Naturalia, gewissermaßen in Konkurrenz traten und sie vervollkommnen sollten. So kam etwa die Verwandlung einer Kokosnuss mithilfe feuervergoldeter Gold- und Silbermontierungen zu einem prächtigen Trinkpokal einer künstlerischen aemulatio gleich, einem Wettstreit zwischen Kultur und Natur, der menschlichen mit der göttlichen Schöpfung: Der Kokosnusspokal, ein exotisches Naturobjekt, veredelt zu einer „künstlichen“ bzw. künstlerischen Kostbarkeit mit praktischem Nutzen.

 

Ungläubiges Staunen, andächtige Bewunderung, all dies galt nicht nur den Pretiosen aus aller Herren Länder, sondern auch ihren Sammlern. Dass solchen fürstlichen wie bürgerlichen Privatsammlungen zunehmend repräsentative Funktion zukamen, veranschaulicht ein Beispiel aus dem Hause Württemberg: Herzog Johann Friedrich (1582-1628) ließ im Jahr 1616 den hochrangigen Gästen, darunter dem Pfälzer Kurfürst und seiner englischen Gemahlin, die zur Taufe des württembergischen Prinzen Friedrich (1615-1682) erschienen waren, seine prächtige Sammlung vorführen. Und die konnte sich durchaus sehen lassen, hatte doch sein Vater Herzog Friedrich I. (reg. 1593-1608) schon im Vorfeld Ankäufe aus Venedig, Amsterdam und Nürnberg getätigt, um seine 1596 erstmals in den Quellen fassbare Camera Raritatis sukzessive zu vergrößern. Sie besaß neben „indianischen Sachen“ z. B. auch ein chinesisches Wunderkammerstück, das er von seinem Sohn Johann zu Neujahr 1606 erhalten hatte. In der Württembergischen Grafschaft Mömpelgard versuchte Friedrich zudem seine Sammlung antiker Objekte durch Funde aus eigens veranlassten archäologischen Grabungen zu erweitern. Sogar der Kaiser, der Kunst- und Wissenschaftsmäzen Rudolf II., ließ ihm „ein schön und köstlich Kunststück“ zukommen. Reiner Protz, reiner Prunk? Nicht ganz. Denn diese Schätze repräsentierten sowohl das Wissen und die Bildung als auch die herausragende Stellung des Menschen im Universum; ihr Glanz und Ruhm sollte auf ihre Sammler und Künstler übergehen. Die Exotica und Mirabilia – fremde und wundersame Objekte –, ebenso wie die wissenschaftlichen Instrumente sollten zwar zum Staunen anregen, zugleich aber auch Neugier nach dem Fremden, dem Andersartigen wecken, das besonders seit den Entdeckungsfahrten und den technisch-naturwissenschaftlichen Errungenschaften der Renaissance ins öffentliche Bewusstsein gedrungen war und verstanden werden wollte. In diesen Vorläufern unserer heutigen Museen spiegelte sich also das Wissen der Welt: Die Künstler waren des Wissens Schöpfer und Veredler, die Sammler Förderer und Mäzen.

 

 

Ab dem 21. Mai 2016 öffnet das Landesmuseum Württemberg im Alten Schloss in Stuttgart eine besondere Schatzkammer der europäischen Kulturgeschichte. Nähere Informationen erhalten Sie auf: http://www.landesmuseum-stuttgart.de/