Die Behausungen der ersten Siedler waren noch sehr dürftig, wie dieser Nachbau der Plymouth Plantation zeigt. Bild: fotolia.com © mheston
Die Behausungen der ersten Siedler waren noch sehr dürftig, wie dieser Nachbau der Plymouth Plantation zeigt. Bild: fotolia.com © mheston

 

Während sich in Süd- und Mittelamerika sowie der Karibik bereits im Lauf des 16. Jahrhunderts die Kolonialisierungsbestrebungen in der Gründung vieler Städte sowie Eroberungsfeldzügen niederschlugen, blieb der nordamerikanische Kontinent weitgehend von den Europäern unbeachtet. Neben dem 1565 gegründeten St Augustine (Florida), den Expeditionen Hernando de Sotos und einigen Missionen entlang der Pazifikküste blieb dieser gewaltige Kontinent bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts und der Besiedlung durch die puritanischen Pilgerväter sich selbst überlassen. Aus diesem Grund war der Alltag für die frühesten Siedler britischer Kolonien auch hart – wenngleich viele Härten selbst gewählt waren. Einzelschicksale unterschieden sich zwar, doch im folgenden Überblick zeigt sich das tägliche Leben einer breiten Bevölkerungsschicht in Neuengland vor 1650.

 

Religion über allem

In dieser puritanischen Gesellschaft stand Religion über allem. Letzten Endes war sie die Triebfeder hinter dem Auswandern der Pilgerväter. Vereint waren sie im tiefen Glauben – und dem Glauben, dass die reformatorischen Wege der anglikanischen Kirche nicht weit genug reichten und noch zu viele papistische Umtriebe enthielt.

Hauptanliegen der Siedler war es letzten Endes, einen Ort zu finden, an dem sie ihre Strömung des Christentums frei ausüben konnten. Bild fotolia.com © Tony Baggett
Hauptanliegen der Siedler war es letzten Endes, einen Ort zu finden, an dem sie ihre Strömung des Christentums frei ausüben konnten. Bild fotolia.com © Tony Baggett

Dementsprechend bestimmten strenge Moralvorstellungen den gesamten Alltag. Ein moralisch einwandfreies Leben wurde von jedem Gemeinschaftsmitglied erwartet und unterlag gegenseitiger Kontrolle. Weltliche Vergnügungen wurden, sofern nicht gänzlich abgelehnt, zumindest kritisch beäugt. Ein Beispiel: Am 22. März 1631 beschloss die Massachusetts Bay Colony folgendes:

It is […] ordered, that all persones whatsoever that have cards, dice or tables in their houses, shall make away with them before the next court under pain of punishment.

Also die Androhung schwerer körperlicher Strafen für Glücksspiel. Dies zu einer Zeit, die in der Gesamtbetrachtung der Spielgeschichte zumindest in Europa eine Hochzeit darstellt: Nur sieben Jahre nachdem das o.g. Gesetz erlassen wurde, eröffnete in Venedig mit dem Ridotto die erste Spielbank nach modernem Verständnis.

Doch der Puritanismus hatte noch strengere Züge: Auf Ehebruch stand Todesstrafe, der Sonntag wurde als Sabbat strengstens geheiligt und Hausandachten wurden an allen übrigen Tagen praktiziert.

 

Die Härten des Landes

Während viele andere Orte in der Neuen Welt den Siedlern wie Paradise erschienen, war Neuengland in diesem Sinne eine Ausnahme. Das hatte mehrere Gründe:

  • Die klimatischen Bedingungen waren weniger optimal als in südlicheren Kolonien
  • Die Böden waren weniger fruchtbar, salzig und oft mit Steinen versetzt
  • Vor allem in der Anfangszeit fehlten Landwirte, die ihre Erfahrungen einbringen konnten.

Die Geschichte der Pilgerväter, die ihre ersten Ackerbau-Erfahrungen nur mit Hilfe der Ureinwohner sammeln konnten, gingen in die US-Folklore ein. Fakt ist jedoch, dass in den kommenden Jahren und Jahrzehnten viele Neuankömmlinge regelrecht zum Ackerbau genötigt wurden.

Was letztendlich das Überleben sicherte, war Jagen und Fischen – allerdings musste auch hier vieles erst erlernt werden, sodass die tägliche Nahrungsbeschaffung vor 1650 Charakterzüge eines Überlebenskampfes trug. Dazu trug auch die Tatsache bei, dass es in Neuengland bis zum Ende des 17. Jahrhunderts keine Büchsenmacher gab, ferner auch keine Pulvermühlen. Sowohl Feuerwaffen wie Munition mussten aus Europa importiert werden. Vorratshaltung für Verteidigung stand immer in Konkurrenz mit der Jagd-Notwendigkeit.

 

Bildung

Über jene Zeit überwiegt auch heute noch der Glaube, dass diese Gesellschaft weniger gebildet gewesen sei. Allerdings lässt sich diese These nicht halten. Im Gegenteil. Die Puritaner erwarteten getreu ihres Glaubens, dass jedes Mitglied fähig sein musste, die Bibel zu lesen – ohne Unterschied des Geschlechts. In einem zweigliedrigen System aus Home-Schooling und staatlichen Schulen sollte kein Gesellschaftsmitglied „unwissend“ bleiben, die Verantwortung dazu oblag den Eltern bzw. dem Lehrherrn eines Auszubildenden. Auch in dieser Praxis ist die Abkehr vom System der katholischen Kirche überdeutlich zu erkennen. Die regelrechte Versessenheit auf Bildung sollte garantieren, dass jeder Gläubige seine eigenen Lehren zu Gott ziehen konnte und nicht auf Kirchendiener vertrauen musste.

Die Gründung der Harvard Universität 1636 unterstrich den Fokus, den die Massachusetts-Siedler auf Bildung und Eigenversorgung legten. Bild: fotolia.com © spiritofamerica
Die Gründung der Harvard Universität 1636 unterstrich den Fokus, den die Massachusetts-Siedler auf Bildung und Eigenversorgung legten. Bild: fotolia.com © spiritofamerica

Bereits 1635 beschloss der Massachusetts General Court die Errichtung einer Universität, um auf dem Gebiet der geistlichen Lehrer nicht auf „Lieferungen“ aus Großbritannien angewiesen zu sein. Diese, ein Jahr später eröffnete Schule, die sich großer finanzieller Unterstützung eines örtlichen Geistlichen rühmen konnte, bekam ihm zu Ehren auch seinen Namen, das Harvard College.

Mit steigenden Siedlerzahlen wuchs aber naturgemäß auch die Anzahl derer, deren Bildungs-Ansichten sich nicht mit der Kolonie-Politik deckten. Teils aus Gründen der Geschlechtertrennung, teils daraus, dass Arbeitszeit nicht mit Büchern „verschwendet“ werden sollte. Um dem Herr zu werden, schufen die Puritaner 1642 etwas, das im Nachhinein das erste Gesetz zur Schulbildung werden sollte, den sogenannten Old Deluder Satan Act. Unter anderem verlangte dieses Gesetz, dass jede Siedlung innerhalb dieser Kolonie, die mehr als 50 Familien zählte, eine Leseschule einzurichten hatte. Orte mit mehr als 100 Familien mussten zudem eine Grammar School, in diesem Kontext eine Oberschule, einrichten. Mit großem Erfolg, wie sich zeigte: Im weiteren Verlauf des  17. Jahrhunderts lag die Alphabetisierungsrate in Massachusetts bei Männern bei über 90% und bei Frauen knapp 70%. Zum Vergleich: In weiten Teilen Europas waren das die Analphabeten-Raten.

 

Verhältnis zu den Eingeborenen

Die „edlen Wilden“, welche die Pilgerväter vor dem Verhungern retten und mit denen sie zum Dank das erste Thanksgiving-Fest feiern – auch das ist Folklore, die allerdings recht dicht an der Wahrheit liegt. Tatsächlich muss festgestellt werden, dass in den 1620ern und frühen -30ern das Verhältnis der Kolonisten zu den auf diesem Gebiet lebenden „Indianern“ der Pequot-, Wampanoag-, Narragansett-, Algonquian- und Mohegan–Stämme gut war.

Großmaßstäbliche Übergriffe von europäischer Seite blieben – anders als in vielen anderen Gegenden Amerikas und späteren Jahrhunderten – in diesen ersten Anfangsjahren aus. Das Verhältnis glich einem „leben und leben lassen“, was von Siedlerseite aus durch den tiefen Glauben auch befördert wurde und sich unter anderem in einem schwunghaften Pelzhandel ausdrückte.

Luntenschlossmusketen, in deren Hahn die namensgebende Lunte klemmte, gaben den Siedlern oft genug die überlegenere Feuerkraft. Bild: fotolia.com © falpat86
Luntenschlossmusketen, in deren Hahn die namensgebende Lunte klemmte, gaben den Siedlern oft genug die überlegenere Feuerkraft. Bild: fotolia.com © falpat86

Im Verlauf der 1630er verschlechterte sich allerdings das Zusammenleben. Ein Grund dafür war, dass die Pequot ihr Gebiet entlang des Connecticut River aggressiv auf Kosten der Wampanoags, Narragansetts, Algonquians und Mohegans vergrößerten. Geschwächt durch von den Europäern eingeführten Epidemien eröffnete sich ein Machtvakuum, welches die Pequot ausnutzen wollten, um

  1. das Pelzhandelsmonopol mit den Europäern zu übernehmen,
  2. ihren Erzfeind, die Mohegans, zu vernichten und
  3. die von den Kolonisten übernommene Wampum-Produktion zurückzuholen.

Ab 1634 mehrten sich Überfälle auf Weiße und andere Indianer. Letztlicher Casus Belli war die Ermordung des Händlers John Oldham durch die Narragansett, die damit verhindern wollten, dass die Siedler weiterhin Handel mit den Pequot trieben. Tatsächlich geht die heutige Forschung davon aus, dass es sich um eine Art „False Flag“-Angriff handelte, denn die Täter flüchteten in den Schutz des Pequot-Gebiets und außerdem waren die Narragansett seit den 1620ern mit den Pequot verfeindet.

Der später als Pequot-Krieg bekannt gewordene Feldzug begann damit, dass ein 95-Mann starkes Siedlerkommando der Miliz ein Narragansett-Dorf angriff, es niederbrannte und die dort gelagerten Vorräte mitnahm. Im Nachhinein griff der Trupp ein Pequot-Dorf an, von dem man vermutete, dass sich dort die Mörder John Oldhams befänden.

In der Folge sammelten die Pequot andere Stämme um sich, während die Siedler von Massachusetts auf die Hilfe der Narragansett- und Mohegan-Stämme vertrauen konnten. Zwischen Juli 1636 und September 1638 entbrannte ein blutiger Kleinkrieg, der auf allen Seiten durch Grausamkeiten gegen Siedlungen gekennzeichnet wurde. Ein Jahr nach Kriegsbeginn überfielen die Siedler und ihre indianischen Verbündeten ein befestigtes Pequot-Lager und töteten von den 500 Einwohnern alle bis auf wenige Ausnahmen. Der Krieg endete jedoch erst über ein Jahr später während des Great Farifield Swamp Fight, der die restlichen kampffähigen Pequot das Leben kostete.

Danach wurde der Ton zwischen Siedlern und Ureinwohnern generell rauer, wenngleich das Leben mit der Ankunft weiterer Menschen, deren Techniken und dem langsam steigenden Erfahrungsschatz stetig etwas einfacher wurde.

 

Bildquellen:

1) fotolia.com© mheston

2) fotolia.com © Tony Baggett

3) fotolia.com © spiritofamerica

4) fotolia.com © falpat86

 

Autor: Pascal Braunert